Die ersten Schritte auf dem Florida Trail
„Schatz, willst du nicht mal wieder deinen Kumpel besuchen?“
Völlig uneigennützig kam mir letzten November die Idee, die Winterferien doch in Florida zu verbringen – die Route über den Florida Trail in meinem Kopf schon quasi fertig geplant.
Vor zwei Jahren hatte ich auf meiner Wanderung vom See zum Ozean festgestellt, dass der flache Sonnenstaat doch nicht so schlecht ist. Immerhin führt einer der elf National Scenic Trails, allesamt Langdistanzwanderwege, einmal durch den ganzen Bundesstaat. Über 2.000 Kilometer Spielplatz auf dem Florida Trail für Caro.
Da der Florida Trail aber nicht nur reich an Palmen und Sumpfgebiet ist, sondern auch etliche Passagen über Asphaltstraßen und schattenlose Deiche führen, suchte ich mir für meine fünf Tage was eher Waldiges aus. Dachte ich zumindest.
Der erste Tag – Braten am laufenden Band
Gegen zehn Uhr vormittags werde ich auf dem großen Parkplatz für die Bootsfreunde abgesetzt und stiefele los auf den Deich. Eine Schar gemischter Vögel streitet sich am Ufer des Kissimmee River um einige Fischreste. Geier, Möwen, Reiher, Störche und Pelikane – hier lässt sich keiner vom anderen was nehmen, wenn’s um leicht verdientes Futter geht.
Schnurgerade zieht sich die zweispurige Servicestraße durch die Wiesen. Zeit genug, schonmal die ersten Videos aufzunehmen. Doof nur, dass ich den Fotomodus aktiviert habe und die ersten schlauen Sätze einfach nur ins Leere quatsche. Nebenher analysiere ich die Spuren in den sandigen Rillen. Relativ kurz vor mir muss mindestens ein Mann mit Trekkingstöcken hier durchgewandert sein. Das lässt sich insofern leicht sagen, weil noch kein Auto über die Fußspuren gefahren ist.



Nach rund 14 brütend heißen Kilometern kommen endlich erreichbare Bäume in Sicht. Eigentlich wollte ich schon nach zehn Kilometern mal ein Päuschen einlegen. Wenn aber Guthook mit schattigen Plätzchen in vier weiteren Kilometern wirbt, wabert man eben weiter durch die Hitze. Nahe einer Schleuse spenden ein paar hohe Palmen und Eichen herrlichen Schatten. Ich lasse mich ins Gras fallen und packe meinen Fressbeutel aus.
„Hey there“ ertönt es von hinten. Da steht auf einmal ein Wanderer hinter mir… mit Trekkingstöcken. Ich werde besser im Spurenlesen. Wir schwatzen kurz und teilen die Info, was das Tagesziel ist. Da kommt ein weiterer Wanderer an. Die beiden wandern offensichtlich zusammen. Weil ich meine Pause gerade erst begonnen habe, lasse ich die beiden ziehen und höre noch das Gemurmel „That is a much better place than hiding behind a car.“
Endloser Roadwalk
Nach meiner Pause finde ich mich auf einmal auf einer Asphaltstraße wieder. Wird schon gehen, denke ich. Erst viel später realisiere ich, dass ich mich auf einem fast 12 Kilometer langen Straßenabschnitt befinde. Was soll’s. Roadwalk gehört in Florida eben einfach dazu.
Nach etlichen mühsamen Kilometern sehe ich die beiden Wanderer vor mir aus dem Dickicht kommen. Cool, ich habe sie fast eingeholt. Aber so sehr ich mich auch anstrenge, ab hier haben wir etwa die gleiche Geschwindigkeit auf der backofengleichen Straße. Zudem lenkt mich ein Geier ab, der sich über einen Waschbärenkadaver hermacht und die Sandhügelkraniche wollen auch fotografiert werden.
Beim nächsten schattigen Platz am Straßenrand finde die beiden wieder und geselle mich zu ihnen. Warren und Jason, später bekannt als Major + und 50 Percent, sind Kriegsveteranen, die von einer Organisation gesponsert werden, um Langdistanzwege in den USA wandern zu können. Ziemlich coole Sache! Beide haben vor, die mehr als 2.000 Kilometer komplett zu wandern. Von dem Moment an, beschließen wir, den Rest des Tages zusammen zu wandern, denn wir haben dasselbe Ziel: den Campground im Yates Marsh.


Auf den letzten Metern wird der Weg dann doch noch so, wie man sich Florida vorstellt – grün, buschig, tropisch. Am Trailhead gibt es ein wenig Trail Magic. Da ich genug Essen dabeihabe, nehme ich mir nur ein kleines Tütchen antiseptische Creme mit.
Yates Marsh South Campground – Campen im Paradies
Yates Marsh South Campground ist ein sogenannter primitiver Campingplatz. Es gibt keine Toiletten oder sonstige Annehmlichkeiten, aber mehrere Sitzbänke, einen Feuerring und sogar Wasser aus einer Pumpe. Dazu wunderschöne Campingflächen umringt von Palmen und uralten Eichen. Mehr braucht es nicht, um das Hiker-Herz zu erfreuen.
Von meinen Recherchen auf YouTube und Guthook weiß ich, dass sich ganz in der Nähe ein Teich mit einem vier Meter langen Alligatorweibchen befinden soll. In Flipflops machen Warren und ich einen Abstecher dorthin. Leider flippen unsere Schuhe so laut, dass wir den Alligator mit einem großen Platsch nur noch verschwinden hören. Ganz kurz sehe ich noch die Augen aus dem Teich luken, dann ist das mächtige Tier abgetaucht. Schade.
Den Abend verbringen wir ganz thruhiker-untypisch am Lagerfeuer. Untypisch deshalb, weil wir eigentlich viel zu müde sind. Aber da bereits um 18 Uhr die Sonne untergeht, ist das Feuer früh an und auch ziemlich bald aus. Gegen 19 Uhr ziehen wir uns in unsere Zelte zurück und lesen noch ein wenig. Um 20 Uhr ist das Licht aus. Bei allen.

Völlig versumpft
6.30 Uhr. Im Halbdunkel sehe ich eine Stirnlampe über die Lichtung huschen. Ich liege noch in meinen Quilt eingekuschelt im Zelt und bin unwillig, aufzustehen. Mit dem Zeitplan der Jungs kann und will ich sowieso nicht mithalten, denn die beiden wollen bereits um 7.30 Uhr losziehen, um die kühlen Morgenstunden mitzunehmen.
Weil die Blase drückt, wühle ich mich dann doch zehn Minuten später nach draußen und freue mich über einen zauberhaften Sonnenaufgang über der floridianischen Prärie. Dichte Nebelschwaden geben der Graslandschaft zwischen Palmen und Sträuchern in eine mystische Atmosphäre.

Gemeinsam mit Warren und Jason genieße ich den ersten und auch letzten Kaffee des Tages auf der klammen Holzbank und hoffe, dass das Zelt von den Sonnenstrahlen getrocknet wird. Durch die immens hohe Luftfeuchtigkeit ist alles nass. Während ich noch im Schlafanzug vor mich hin sumpfe, packen die Jungs ihre Siebensachen. Es ist schon weit nach halb acht als ich merke:
„Ups, die beiden warten wohl auf mich.“ In Windeseile stopfe ich das feuchte Zelt in den Packsack, meinen Hausrat in den Rucksack, verschwinde mal eben zum Umziehen hinter der nächsten Palme und bin innerhalb von zehn Minuten aufbruchbereit. Wäre es nur im Alltag auch so schön einfach. Unsere Hoffnung, das Alligatorweibchen noch zu sehen, wird leider enttäuscht. Offensichtlich ist sie Langschläferin.
Palmen, Wald und Avatar-Sümpfe
Der Weg führt uns vom Zeltplatz ins offene Gelände, kurz in einen herrlichen Eichenwald, der uns mit den imposanten, farnbewachsenen Eichenbäumen direkt in Avatar versetzt und alsbald auf die nächste Straße. Auch heute ist der Anteil an Asphalt nicht unerheblich und es wird heißer als gestern. Wir tragen es mit Fassung, denn ändern können wir’s ja nicht. Warren versucht, uns die Alternativroute zum Original Trail mit einem kleinen Bistro schmackhaft zu machen. Alternativ heißt: noch mehr Straße statt Sümpfe. Ich winke dankend ab und auch Jason kriegt lieber nasse Füße als weiterhin auf dem Asphalt zu schmelzen.
Unser Übermut wird natürlich mit Schlammwaten belohnt. Knöcheltief versinken wir alle im braunen Modder und freuen uns über kleine Tümpel, um den Dreck abzuwaschen – nur um dann nach fünf Minuten wieder im Schlamm zu versinken. Mir macht das ja irgendwie Spaß, denn es ist mein erstes Sumpferlebnis auf dem Florida Trail. Die beiden Männer allerdings haben schon etliche Kilometer und Tage im schwarzen Wasser hinter sich.




Mit verschlammten Waden und Schuhen kommen wir am späten Nachmittag an unserem Campground MICCO Landing an. Da steht bereits ein Zelt und ein schlacksiger Hiker kommt uns zusammen mit seinem fröhlichen Hund begrüßen. Scrarecrow und Oreo – sein schwarzweißer Hund – sind richtige Aussteiger und haben einen Zehnjahresplan, um quasi alle Trails der USA abzuklappern. Er reicht uns erstmal einen Brownie rüber und da sagt keiner von uns nein. Außer Warren, der auf Low Carb unterwegs ist.
Zu viert teilen wir uns die klapprige Campingbank, denn die zweite hat der Rost wohl schon vor langer Zeit hingerafft. Nachdem ich gestern meine selbst dehydrierte Kürbissuppe getestet hatte, kommt heute das selbstgemachte Ratatouille auf den Tisch. Die Männer gucken schon etwas neidisch in meine Schüssel, aber jeder ist am Ende satt und zufrieden. Um 19 Uhr ist wieder Lesestunde und wir haben uns für den nächsten Tag verständigt: wir wandern weiter zusammen.


