Tag 1: Waterton Canyon zum South Platte River
4 Uhr morgens – ein kurzer Toilettengang und noch zwei Stunden zu schlafen. Zumindest in der Theorie. Aber tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf und aufgeregt bin ich auch. Ein neuer Trail beginnt. Rund 800 Kilometer von Denver nach Durango: der Colorado Trail!
Um 8 Uhr holt uns Trail Angel Mike von unserem Hotel ab. Im Auto sitzt schon Lost, mit dem ich 2022 zwei Wochen auf dem PCT gewandert bin. Zusammen werden wir zum Waterton Canyon gebracht, wo der Trail startet. Um 9 Uhr ist es schon ordentlich warm und Schatten ist auf den ersten 10 Kilometern entlang des South Platte Rivers Mangelware. Der Canyon selbst ist jedoch wunderschön und beliebt. Wir treffen unzählige Mountainbiker und auch andere Colorado-Trail-Hiker.



Nach zehn Kilometern verwandelt sich die breite Schotterstraße dann in richtigen Trail. Schmal und oft schattig windet er sich hoch – und raubt uns den Atem. Lost hat überraschenderweise noch mehr mit Hitze und Höhe zu kämpfen als wir. Und so schleichen wir bei 33 Grad super langsam Meile um Meile nach oben.
Am Bear Creek füllen wir unsere Flaschen auf und gönnen uns eine längere Siesta. Der nächste Auftstieg wartet nämlich schon. Nachdem wir heute Morgen auf etwa 1.700 Metern gestartet sind, erreichen wir gegen 17 Uhr mit knapp 2.300 Metern den höchsten Punkt des Tages. Von dort geht’s nur noch bergab. Teilweise ein wenig zu langsam für meinen Geschmack, aber wir schaffen es doch noch vor Sonnenuntergang zur geplanten Campsite. Dort noch ein Plätzchen zu finden, ist gar nicht so leicht, denn alle anderen sind bereits vor uns da.
Am Ende arrangieren wir uns mit einem grasigen Stück Dreck, Essen, machen Katzenwäsche im Fluss und kurz nach 21 Uhr gehts in die Federn.



Tag 2: South Platte River bis Meile 33.6 (54 Kilometer)
Wenn um 5 Uhr morgens in sowas, was manche Urlaub nennen, der Wecker klingelt, dann sollte man nicht meinen, dass man fast der letzte ist, der das Camp verlässt. Und doch brummt um die Uhrzeit bereits die kleine Zeltstadt am South Platte River. Es sollen wieder 33 Grad werden und Segment 2 eilt der Ruf voraus, brutal in der Hitze zu sein.
Am Morgen ist die Luft noch schön kühl. Aber sobald die Sonne ihre Strahlen über die Berge scheinen lässt, fangen die Schweißperlen an, zu rinnen. Immer mal wieder machen wir längere Pause an schattigen Plätzen, essen wilde Johannisbeeren und Yuccablütenblätter. Nach rund 17 Kilometern treffen sich alle an der Feuerwehr wieder. Hier gibt es am Gebäude etwa einen Meter Schatten und Trinkwasser. 🚰



Um 13 Uhr in der Mittagshitze wieder aufzubrechen, fühlt sich in der Tat brutal an. Trotzdem genieße ich die Landschaft in vollen Zügen. Riesige rundgewaschene Granitfelsen türmen sich entlang des Trails auf und erinnern mich stark an das nördliche Kalifornien auf dem PCT.
Die Distanz von gestern und heute merke ich. Am liebsten würde ich schon nach 23 Kilometern Campen, aber wenn wir bis zum 7. Juli in Breckenridge sein wollen, müssen wir heute noch ein bisschen arbeiten. Um 17.30 Uhr finden wir ein schönes Lager und freuen uns, zwei Stunden früher als gestern die Beine hochlegen zu können. Morgen geht es dann ganz nach oben – 3.000 Meter und mehr.
Tag 3: Meile 33.6 bis Meile 52.7 (85 Kilometer)
Heute steht ein harter Tag an. Über 1.400 Höhenmeter und so viele Kilometer, wie nur möglich. Leider stellen wir nämlich fest, dass die in unserer App und im Databook eingetragenen Trail-Meilen nicht mit den tatsächlichen übereinstimmen. Als Beispiel heute: am Ende haben wir 33,36 Kilometer auf der Uhr, laut App sind wir aber nur 31,4 gelaufen. Sprich: Wir hängen dem Zeitplan immer ein wenig hinterher.
Trotzdem freuen wir uns, diesen Tag gut gemeistert zu haben. Vor allem, da es auf 3.300 Höhenmeter hinauf geht – und wir noch immer nicht ausreichend akklimatisiert sind. Wie auch, wenn man quasi direkt vom Meeresspiegel kommt? 😅
Apropos Höhe: Ich hatte auch gehofft, dass die Höhe meinen Appetit senken würde. Pustekuchen! Vor allem abends könnte ich ordentlich reinhauen. Aber der Futterbeutel muss noch drei Tage reichen. Ein bekanntes Problem aus Washington. Und so sage ich mal wieder mit knurrendem Magen gute Nacht. Und hoffe, dass es das einzige bleibt, was heute Nacht knurrt.



Tag 4: Meile 52.7 bis Kenosha Pass
Heute Morgen gönnen wir uns mal was: Wir schlafen eine Stunde länger. Bis 6. Weil ein Blick auf die digitalen Karten suggeriert, dass ein recht entspannter Tag vor uns liegt – verglichen mit den Vortagen. Um 7:15 Uhr schlappen wir also los durch‘s mit Raureif überzogene Valley auf 3.200 Meter Höhe.
Der Colorado Trail schlängelt sich durch die Lost Creek Wilderness. Hauptsächlich wieder durch Wald, der sich aber plötzlich öffnet und eine traumhafte Aussicht über die nahegelegenen bewaldeten Berge und die hohen Gipfel mit Schneefeldern in der Ferne bietet. Es ist sonnig und heiß – sogar hier oben. Eine Pause am kühlen, rauschenden Rock Creek müssen wir ausschlagen, denn es gibt keinen Schatten. Zwei Hikerinnen erholen sich hier gerade und ich denke noch so: „Mensch, die eine hat ein Bandana in genau der gleichen Farbe wie ich.“
Als ich mir beim nächsten Aufstieg den Schweiß von der Stirn wischen will, greife ich nur ins Leere. Mein Bandana ist weg. Hm. Oben am Trailhead angekommen, setzen wir uns unter einen Nadelbaum und essen Tortillas. Nebenbei logge ich einen Geocache und dank ein wenig Internet erreicht uns die Nachricht von Lost, dass es am Kenosha Pass bis Sonnenuntergang Trail Magic geben soll. In Windeseile packen wir unsere Sachen zusammen. Da kommt Diane vorbei und ich frage sie vorsichtig, ob sie zufällig dieses knallrote Bandana gefunden hat. Hat sie und sie freut sich, es mir zurückgeben zu können. Mein Bandana und ich sind wieder vereint.



Keuchend und schnaufend ackern wir uns die zehn verbleibenden Kilometer zum Kenosha Pass hoch. In gleißender Sonne, ohne Schatten. Plötzlich schlägt das Wetter um. Erst nieselt es, dann kommen murmelgroße Hagelkörner vom Himmel. Dann schüttet es. Wie begossene Pudel kommen wir beim Parkplatz am Pass an und freuen uns, dass es tatsächlich noch Wassermelone, Riegel, Bagel, Chips, Hard Lemonade und allerlei andere Snacks gibt. Der Abend ist gerettet!
Wir verharren gut eine Stunde unter dem kleinen Pavillon und es kommt ein Hiker nach dem anderen. Doc, ein älterer Hiker, zeigt uns einen Geheimplatz direkt hinterm offiziellen Campground, wo wir zu neunt unsere Zelte aufschlagen. Nach einem gemeinsamen Abendessen verschwinden alle um 20 Uhr im Zelt. Hiker Midnight!



