Brandenburg ist für vieles bekannt – sicherlich aber nicht für seine Weinberge! Wenn man jedoch, so wie ich, immer fleißig Karten studiert und auf der Suche nach neuen spannenden Touren ist, stolpert man immer wieder über genau solche Locations: Drehnaer Weinberg, Zescher Weinberg, Weinberg bei Wünsdorf und allerlei rund um die schmackhafte Traube mehr. Einige dieser Weinberge haben eher historischen Charakter, während auf ein paar wenigen noch immer der jahrhundertealten Weinbautradition nachgegangen wird.
Die Route ist schnell zusammengestellt, mit den Öffis erreichbar und perfekt für ein Wochenende. Von Lübbenau geht es über den Drehnaer Weinberg zum Schlabendorfer See, wo ich die erste Nacht unfreiwillig ohne Zelt verbringe. Von dort radele ich immer gen Norden, nehme den Zescher Weinberg mit und nächtige in einem urigen „Ost“-Bungalow im beschaulichen Zesch am See. Die letzte Etappe bringt mich dann auch schon an den Südrand von Berlin. Natürlich mit einem Abstecher zum dritten Weinberg der Tour nahe Wünsdorf, wo gar nicht weit weg noch heute Weinranken zu finden sind.
Tag 1: Drehnaer Weinberg und unfreiwilliges Cowboy campen
Der Wetterbericht zeigt mal wieder Regenwetter fürs ganze Wochenende. Trotzdem packe ich am Freitag stur die letzten Dinge an mein Fahrrad und mache mich auf den Weg zu einer Tour, die ich eigentlich schon im Sommer machen wollte: von Lübbenau über die Weinberge nach Berlin. 🍇 Leider machte mir mein Handgelenk einen Strich durch die Rechnung. Vom Wetter lasse ich mich jedoch auf keinen Fall kleinkriegen.
Und so nehme ich am Freitag kurz nach 13 Uhr die S-Bahn nach Friedrichstraße, um dort in den Regio nach Lübbenau zu wechseln. Wer hätte gedacht, dass das schon die erste Hürde sein würde? Dass der Zug mit zehn Minuten Verspätung einfährt, juckt mich nicht wirklich. Ich habe ja noch genug Zeit bis Sonnenuntergang. Dass dieser aber bereits so voll ist, dass die zusteigenden Menschen schon kaum noch reinpassen – geschweige denn ein Mensch mit Fahrrad – finde ich dann nicht mehr so prickelnd. Keine Chance, der Zug fährt ohne mich. Dann nehme ich halt eben den nächsten in einer halben Stunde. Da aber alle anderen Regios ebenfalls knallevoll sind, habe ich so meine Zweifel, ob mir beim nächsten nach Lübbenau nicht das gleiche passiert. Und so wurschtel ich mich in den nächstbesten Regio und fahre ein paar Stationen vor. Mit Erfolg, denn hier steigen die meisten aus und ich bekomme sogar noch ein Plätzchen nach Lübbenau.
Im Spreewald angekommen, regnet es schon fröhlich vor sich hin. Nun gut, das hatte ich erwartet. Mit Regenklamotten und wasserdichten Handschuhen geht es los über die Felder, durch den Wald, entlang ehemaliger Bergbaugebiete. Die herrlichen, neu entstandenen Seen sind leider noch immer für den Zugang gesperrt. Sehenswert sind sie aber auch jetzt schon.



Pilze und Aussichtspunkte halten mich mal wieder hinlänglich auf, sodass ich erst zum Sonnenuntergang (wenn die Sonne mal da wäre) auf dem Drehnaer Weinberg ankomme. Ursprünglich wollte ich hier zelten, aber bei der letzten Recherche fiel mir auf, dass dieser im Naturschutzgebiet liegt. Also Fotos gemacht und weiter.
Es ist schon dunkel, als ich an der – nennen wir sie mal Schutzhütte – ankomme. Ich bin inzwischen nass bis auf die Knochen. Was der Regen nicht geschafft hat, hat der Schweiß unter den Regenklamotten erledigt. Ich will nur schnell mein Zelt aufbauen und dann in den Schlafsack, was essen. Schön wärs! Als ich mein Zelt aufstellen will, fehlt ein nicht unerheblicher Teil: das Gestänge. Zauberhaft! Den Tränen nah und zitternd gehe ich eine Weile die Optionen durch.
Komplett nass im Dunkeln zurück? Nicht wirklich. Mich von der besseren Hälfte abholen lassen? Aber ich wollte doch unbedingt draußen schlafen! Nach einigem Hadern beschließe ich, die einzig trockene Stelle unter dem Hüttendach zu nutzen und einfach ohne Zelt dort – neben einer großen Pfütze – mein Lager aufzuschlagen. Blödheit muss bestraft werden.



Tag 2: Zescher Weinberg mit Sonnenschein und Pilzsegen
Die Nacht und der Morgen sind mal wieder ein Beweis, dass es sich lohnt, durchzuhalten. In meinem Schlafsack ist es kuschelig warm und ab und zu lugt der fast volle Mond durch die Wolkendecke hindurch. Im Zelt hätte ich dieses schöne Spektakel gar nicht mitbekommen. Als Krönung belohnt mich die Sonne am Morgen mit einem wunderschönen Aufgang direkt über dem See, während immer mal wieder ein paar Kraniche und Gänse trötend vorbeiziehen und ihren Weg nach Süden fortsetzen.
Im Sonnenschein packe ich meine halbnassen Sachen (die wasserdichten Handschuhe haben das Wasser gut drinnen gehalten) und mache mich kurz nach 9 los. Es geht durch kleine Dörfer und über endlose Felder. Ab und zu muss ich feststellen, dass Wege, die komoot zu kennen meint, leider nicht (mehr) existieren. Und so kommen ein paar Kringelkreise mehr dazu.
In den kleinen Waldstücken, die ich passiere, senke ich das ohnehin schon nicht flotte Tempo nochmal und halte nach Pilzen Ausschau. Davon gibt es in diesem Jahr so viele, dass man eigentlich nur mit der Sense durchgehen müsste. Ich kann also wählerisch sein und so landen Steinpilze, Maronen und Sandröhrling im noch spontan selbstgenähten Körbchen bis es fast platzt.
Der eine oder andere Bunker liegt am Wegesrand, doch die Zeit und Muße zur weiteren Erkundung fehlt mir heute. Ein unerwartetes Highlight ist die Heidelandschaft bei Massow mit dem idyllischen Tabaksee. Kurz vor dem Ende dieser Etappe ächze ich zum zweiten Weinberg der Tour hoch: dem Zescher Weinberg – mein eigentliches Ziel, hätte ich denn mein komplettes Zelt eingepackt. Stattdessen rolle ich heute weiter bis nach Zesch am See und freue mich über einen warmen Bungalow mit Ost-Charme, der mir spontan von lieben Menschen vermietet wird. Ein toller Tag!






Tag 3: Wünsdorfer Weinberg und die Stoffmaus
Traue keinem Wetterbericht! Niemals. Zumindest nicht bis zum letzten Tag. Gedanklich hatte ich mich schon drauf vorbereitet, die letzten 50 Kilometer nach Berlin komplett im Regen zu fahren. So sagte es die Vorhersage. Als ich mir aber am Sonntag Morgen meinen Kaffee einschenke und nochmal einen Blick in die WetterApp werfe, sehe ich ein Trockengebiet ab rund 9.30 Uhr. Und wirklich – fast auf die Minute – hört es draußen auf zu tröpfeln. Also raus, aufs Rad und los!
Wie üblich halte ich viel zu oft bei allerlei Gelegenheiten an: eine schicke Pfütze, eine bescheidene Picknickbank, gelb-rote Bäumchen im Wald und ein See, an dem so gut wie alles außer Atmen verboten ist. komoot möchte mich mit der Streckenführung auch heute wieder leiden lassen und mich über einen Kilometer über eine ruppelige Wiese scheuchen, die schon lange kein Gefährt mehr gesehen hat. Angeblich soll hier eine Straße sein. Das tu ich mir genau zwei Minuten an und kehre wieder auf den alten Plattenweg zurück, der mich ebenfalls, aber noch mit intaktem Steißbein, zum nächsten Zwischenstopp führt.
Es geht hinein in den Wald bei Wünsdorf, der Bunker- und Bücherstadt. Die Beschilderung hier ist nicht ganz klar. „Ehemaliges Übungsgebiet. Betreten auf eigene Gefahr“ hängt gleich neben „Privatwald. Nicht öffentlich. Nur für Forst- und Jagdbetrieb.“ Aha! Soweit ich weiß, darf man in Deutschland jeden Wald betreten oder zumindest die Menschen tagsüber nicht aussperren. Also geht’s weiter. Auf der anderen Seite des Weges ein ergänzendes Schild: „Heute Jagd. Wald und Wege gesperrt. Lebensgefahr!“ Soso. Und wann ist „heute“? Die mir entgegenkommende Joggerin interessiert das auch herzlich wenig und sie läuft munter am Schild vorbei.



Gegen 11.10 Uhr bricht dann doch nochmal eine Husche über mich hinein. Netterweise direkt neben einem griechischen Restaurant. Leider öffnet das erst um 11.30 Uhr, als der Regen gerade aufhört und sich meine Rechtfertigung für ein Radler mit Knoblauchbrot in Luft auflöst. Stattdessen gibt es für einen schmaleren Taler an der Tanke einen heißen Kaffee und Flammkuchenbaguette.
Über schöne Feldabschnitte und den Rangsdorfer See trete ich hoch zum letzten Weinberg der Etappe. Über die Geschichte des Weinbergs Rangsdorf finde ich leider nicht wirklich etwas, dafür am Radweg entlang der A10 einige übriggebliebene Weinranken. Einige Dutzend Kraniche tröten kurz vor Diedersdorf auf einem Feld vor sich hin und auf dem Berliner Mauerweg wird seit zwei Wochen eine braune Stoffmaus schmerzlich vermisst. Hat sie jemand gesehen? 🐭
Der neu ausgebaute Fernradweg radelt sich übrigens prima, in der Theorie. Blöd allerdings, wenn Spaziergängergruppen die gesamte Breite des Radwegs einnehmen und man mit dem Rad eigentlich gar nicht mehr vorankommt. Wie soll das erst im Sommer sein? Zufrieden und kurz vor dem nächsten Schauer lande ich wieder zu Hause und freue mich: Die nächsten Weinberge habe ich nämlich schon in Planung.



Wer die Tour nachfahren möchte, der wird hier fündig. Viel Spaß!