Abschnitt 10 Rome Station zum Lake Owyhee State Park – Oregon Desert Trail

Tag 34: Rome Station in die Lower Owyhee Canyonlands

Die letzte Etappe des Oregon Desert Trails bricht an. Um 7.45 Uhr verlassen wir das Motel in Jordan Valley, um an der Straße den Daumen rauszuhalten und wieder nach Rome zurückzukehren, wo der ODT weitergeht. Erst hält ein LKW-Fahrer, der uns aber fünf Kilometer vor Rome absetzen würde. Da man vom Highway aber weniger Chancen hat, mitgenommen zu werden, lehnen wir dankend ab. Keine fünf Minuten später hält eine ältere Lady, mit der wir uns schon an der Tankstelle unterhalten hatten und wir hüpfen in ihr gut klimatisiertes Auto.

Von Rome Station laufen wir durch Ranchgebiet und steigen dann zum Owyhee Plateau auf. Hier dominiert erst grasige Landschaft, dann wieder Sagebrush. Wasser haben wir genug aus Jordan mitgebracht, aber es hätte immerhin auch zwei Stellen mit Kuhtrögen gegeben, wovon eine sogar richtig gut ist.

Nach 28 Kilometern geht es hinab in den Canyon. Eine kleine selbstgeplante Detour führt uns zu den Ruinen einer alten Farm. Eigentlich wollten wir hier die Nacht verbringen und uns im Owyhee River erfrischen. Nach 31 Kilometern ist es jedoch erst 17 Uhr und es gibt mal wieder keinen Schatten. Da macht es wenig Sinn, viereinhalb Stunden bis zum Sonnenuntergang in der Sonne zu braten. Daher holen wir von der überraschenden Quelle hier nochmal drei Liter Wasser und wandern weiter.

Nach guten 33 Kilometern haben wir dann aber doch genug und suchen ein Plätzchen aus, das zwar einen bezaubernden Blick über den Owyhee mitbringt, aber weiterhin in der Sonne liegt. Wie alles rundherum. Also baue ich mein Zelt auf, um wenigstens ein bisschen Schutz zu haben, koche mein Essen und baue um 20.30 Uhr mein Zelt wieder ab und wechsle zum Cowboy-Modus.

Tag 35: Lower Owyhee Canyonland zur Birch Creek Ranch Corral

Oh je, die letzte Nacht war nicht von gutem Schlaf geprägt. Bis nach Mitternacht wälze ich mich immer hin und her, weil es einfach zu warm ist. Ohne Schlafsack aber wieder zu kalt. Also genieße ich den Sternenhimmel und bereite mich aufs Müdesein am Morgen vor. Auch Amazon geht’s früh um 6 nicht viel anders. Eigentlich wollen wir noch schlafen, aber es ist zu hell und die Chukar-Hühner sind schon fleißig am Gackern.

Wir folgen einige Kilometer wieder einer alten Straße, bis wir am Bogus Creek ankommen. Neben dem Owyhee River die einzige Wasserquelle. Die ist alles andere als nett, denn statt fließend Wasser besteht der Bach nur aus einem Tümpel mit Enten und deutlichem Teichgeschmack. Hilft aber nix, denn wir müssen für 42 Kilometer Wasser mitnehmen.

Mit schwerem Rucksack buckeln wir los und entschließen uns recht spontan, unsere eigene alternative Route zurück auf das Plateau zu nehmen. Dafür bietet sich der vor uns liegende Canyon geradezu an. Und Cross Country wäre auch der originale „Weg“. Eine gute Entscheidung, denn der Aufstieg fällt uns leicht und es gibt sogar am Anfang ein wenig überraschenden „Trail“.

Oben angekommen, finden wir mitten auf dem Feldweg eine reglose Wüstenspringmaus. Sie sieht aus, als würde sie einfach schlafen, ist aber anscheinend tot. Wir wundern uns, warum sie so plötzlich auf der Straße gestorben sein mag – und sehen nur ein Meter weiter eine Klapperschlange sich sonnen. Rätsel gelöst. Die Schlange hat wohl Hunger.

Wir steigen etliche Höhenmeter hinauf und machen mitten auf einer rumpelig-felsigen Straße Pause in der prallen Sonne. Kurz vor unserem Aufbruch kommt zu unserer Überraschung ein ATV den Hügel hochgeknattert. Die beiden Männer hatten wir gestern schon beim Pausemachen getroffen. Nach ein wenig Schnacken bieten sie uns Wasser an, das wir diesmal gern annehmen, denn das was wir haben, schmeckt genauso wie es aussieht: schmutzig grün.

In der Sonne bratend geht’s weiter. Nur einige hundert Meter weiter finden wir auf der Straße zwei Flaschen Wasser und leckeren Getränkemix, den uns die beiden hinterlassen haben. Gigantisch!Unser nächstes Zwischenziel ist ein großer Tankwagen, der nach Auskunft von Rooster (Denis) jedoch kein Wasser hat. Als wir dort ankommen, sprudelt es jedoch kühles klares Wasser aus dem weißen Behälter und auch die Tröge sind reichlich gefüllt. Im seltenen Schatten hinterm Tank machen wir es uns gemütlich und füllen nochmal unsere Wasservorräte auf. In dem Moment kommen wieder die beiden im ATV vorbei und wir schnacken noch eine Weile.

Der Endspurt führt uns zur Kreuzung mit der Birch Creek Ranch Road. Mein Plan, jemanden anzuquatschen, der uns mit runter und wieder hoch nimmt (dort gibt’s Schatten und Wasser) geht jedoch nicht auf, denn das einzige Auto weit und breit ist fünf Minuten zu schnell. Also schlagen wir unsere Zelte ein Stück weiter nördlich an den historischen Stallungen der Ranch auf. Es wird eine gute und entspannte Nacht.

Tag 36: Birch Creek Ranch Corral zum Dago Gulch

Desperate times call for desperate measures – so heute auch wieder sehr real auf dem Oregon Desert Trail. Auch wenn wir davon am Morgen noch nichts ahnen. Als wir uns mit rund anderthalb Litern (Rest-)Wasser pro Nase auf den Weg machen, denke ich noch, dass ein relativ entspannter 27-Kilometer-Tag vor uns liegt. Trotz einigen Höhenmetern (etwa 1.000), etlichem Querfeldein (da der Owyhee River so hoch steht, dass wir die Originalroute nicht nehmen können) und 35 Grade Außentemperatur ohne Schatten. Immer optimistisch bleiben! Gegen 15 Uhr sollten wir es doch locker zum Slocum Creek Campground schaffen. Mit der Aussicht, bei den Autocampern etwas kühles zu Trinken und einen Snack zu erhaschen.

Um den Plan sicherzustellen, hatte ich mit Amazon schon am Vorabend verabredet, solange wie möglich den Hinterlandstraßen zu folgen, um den ersten Querfeldein-Abschnitt zu umgehen. So weit, so gut. Da auf meiner Uhr noch der alte Streckenverlauf ist, frage ich sie bei jeder Abbiegung, ob wir noch wie geplant gehen. „Yes, we are on route.“ Nach der vierten Abbiegung verschwindet die Straße auf einmal irgendwo im Nirgendwo. Ich schaue Amazon verdutzt an.

„Well, this is where the cross country starts“.

„Why? There shouldn’t be any cross country right now.“

Also schaue ich selbst auf die Karte und muss mich stark zusammenreißen. Wir sind genau NICHT so gegangen, um auf den Straßen zu bleiben. Hauptsächlich sauer über mich, dass ich nicht doch nochmal gecheckt habe, stapfe ich durchs kniehohe Gras. Zurückgehen bringt jetzt auch nix mehr.

Nach dem kilometerlangen ungeplanten Cross Country steht Amazon mit Tränen in den Augen vor mir. Sie hat die Nase voll von Cross Country und will jetzt wirklich nur noch Hinterlandstraßen nehmen. Nun ja, die führen aber leider durch Privatgelände. Aber erstmal müssen wir zur nächsten Wasserquelle, denn unsere Flaschen sind so gut wie leer.

Als wir dort ankommen, trauen wir jedoch unseren Augen nicht. Statt der angepriesenen glasklar fließenden Quelle stehen wir vor einem von Kühen zertrampelten Metalltrog, der schon lange kein Wasser mehr hält. Irgendwo unter dem Trog suppt Wasser heraus, das sich in den Löchern sammelt, welche die Kühe mit ihren Hufen gestampft haben. Nach 48 Kilometern soll das die zuverlässige Wasserquelle sein? Mit Schimpfwörtern, die die Welt noch nicht gehört hat, versuche ich mit Hilfe meines kleinen Schöpfbechers, Wasser aus den Hufenlöchern zu gewinnen. Das ist aber mit Kuhdung durchsetzt und voller Sedimente. Auch mehrfaches Filtern durch unsere Tücher bringt nichts. Quasi untrinkbar.

Mit dieser Ernüchterung steht nun auch für mich fest: Wir können nicht der Route folgen, die das Privatgelände umgeht, denn wir haben kein Wasser mehr. Zerstört durch die Kühe des Besitzers des Privatgeländes. Bei 35 Grad sind die verbleibenden Höhenmeter und Cross Country-Abschnitte des ODT ohne Wasser einfach mal lebensbedrohlich. Durch das Privatgelände jedoch, fließt laut unseren Karten ein rauschender Bach. Sch… auf’s Privatgelände. Wir haben keine Wahl.

Und so machen wir uns auf die Mission, möglichst ungesehen durch viele, viele Kilometer Privatgrundstück zu latschen. Viel mehr, als für den Tag insgesamt eigentlich geplant waren. Als wir am Zaun ankommen, der die Grenze markiert, wird mir schon ein wenig schlecht. „Eindringlinge werden erschossen. Auf Überlebende wird nochmal geschossen!“ So das Schild, was an einem Felsen daneben prangt. Dazu eine Wildkamera. Amazon versichert mir, dass auch in den USA nicht einfach so auf jemanden geschossen werden darf. Ich hoffe, das weiß der schießwütige Besitzer auch.

Nachdem wir über den Zaun gestiegen sind, trotten wir im Gänsemarsch die Schotterstraße entlang. Schon die Sandleute haben ihre Stärke so versteckt! Wir scheuchen ein paar Kühe auf und schleichen uns mit einigem Abstand an einem Haus vorbei. Es ist glühend heiß und wir stürzen uns lechzend in den kühlen Fluss, der durch das Tal fließt, welches wir eigentlich nicht betreten dürfen. Nach einer langen Pause tunken wir unsere Klamotten und Haare noch einmal ins Wasser und ächzen in der größten Hitze weiter.

Nur ein paar Minuten später höre ich Motorengeräusche. Nicht wirklich! Da ich wegen der zerstörten Wasserquelle immer noch sehr wütend auf den Besitzer bin, habe ich mit Amazon abgemacht, mein Klappe zu halten und so zu tun, als würde ich kein Englisch sprechen. Es würden eh keine passenden, de-eskalierenden Worte aus meinen Mund kommen. Kurz darauf rattert ein ATV mit zwei Männern und Hund auf uns zu. Wo wir denn herkommen, fragen sie uns.

Amazon erklärt mit ihrer süß-unschuldigen Art, dass wir den Oregon Desert Trail wandern und wegen der Hitze versuchen, möglichst dicht bei Flüssen zu bleiben und schnellstmöglich zur nächsten Wasserquelle zu kommen. Daher haben wir uns für die Schotterstraße entschieden. „Und was machen Sie so hier draußen?“ fragt sie.

„Nun, mir gehört die Gegend hier.“

„Ach, na das ist ja mal toll!“

„Na dann noch eine gute Wanderung.“ Sagt’s und fährt weiter. Uff!

Wir sind froh, dass die Begegnung so glimpflich verlaufen ist und nehmen an, dass die beiden dachten, es sei schon Bestrafung genug, bei der Hitze die vielen Höhenmeter zu meistern, die noch vor uns liegen. Nachdem wir den höchsten Punkt erreicht haben, treffen wir auf weiter Männer mit ATVs. Die scheinen aber alle Angestellte des Besitzers zu sein und bereits auf unsere Präsenz vorbereitet. Sie bieten uns sogar Wasser an, das wir aber dankend ablehnen.

Die letzten Kilometer durch das Privatgelände führen uns vorbei an unfassbar schönen Gesteinsformationen. Immer wieder fragen wir uns, wie es sein sein, dass ein einzelner Mensch so ein Naturwunder und einen ganzen Fluss besitzen und für alle anderen unzugänglich machen kann. Nur, weil wir aus dieser Situation schadlos herausgekommen sind, macht es diesen Fakt nicht besser.

Am Dago Gulch Trailhead sind wir endlich aus dem Privatbesitz heraus und wollen hier eigentlich zelten. Blöderweise hat eine mexikanische Großfamilie mit ihrem riesigen Wohnmobil und dem ohrenbetäubenden Generator jedoch den gesamten Platz für sich eingenommen. Bis auf die paar Zelte, die daneben stehen und leiden. Also schauen wir notgedrungen weiter und finden fast direkt neben unserer Ziel-Wasserquelle ein wunderschönes Plätzchen unter einem großen Wacholderbaum.

Am Ende mal wieder ein super anstrengender und auch recht angespannter Tag – der Abend ist dagegen umso schöner. Auch wenn der Generator bis tief in die Nacht läuft …

Tag 37: Dago Gulch zum Painted Canyon

Nach der letzten heißen Nacht ist es heute etwas kühler. „Nur“ 29 Grad sollen es werden. Ein paar Wolken tummeln sich am Himmel, während wir uns zum Juniper Gulch begeben. Hier war ich im Herbst 2022 schon mal für eine Stippvisite. Diesmal geht es allerdings durch den gesamten Canyon und steil hinauf. Zum Glück gibt es hier einen gut verfolgbaren Trail, auch wenn er auf der Karte nicht verzeichnet ist.

Oben angekommen, haben wir einen fantastischen Blick über die hügelige und felsige Landschaft der Owyhee Canyonland. Und hier bekomme ich auch einen Eindruck, wie voll der Fluss ist. Die Originalroute wäre tatsächlich nicht machbar gewesen. Wir hätten schwimmen müssen. Und zwar ein ganzes Stück durch heftige Strömung.

Die Etappe heute führt fast ausschließlich Cross Country. Wir folgen erst einem Kamm, dann geht es durch trockene Bachbetten. Immer wieder erheben sich um uns herum einzigartige, namenlose Felsformationen. Wir kommen aus dem Staunen und Fotografieren kaum raus. Unsere einzige Wasserquelle ist ein vernachlässigter Trog mit einem Rohr, aus dem lustlos etwas gelbes Wasser tröpfelt. Für einen Liter brauchen wir rund 10 Minuten. Nach zweieinhalb Litern hab ich die Nase voll und nehme direkt aus dem Trog. Farbe und Geschmack sind auch nicht anders und ich habe keine Lust, weitere 25 Minuten in der prallen Sonne mit Wassersammeln zu verbringen.

Später geht es ein kurzes Stück über eine sandige Straße, an deren Ende ein Campervan parkt. Während wir einen Blick auf den weiteren Verlauf unserer Route werfen, kommt der Besitzer raus.

„Der Canyon führt zu nichts, da ist kein Durchkommen.“

„Nun ja, das ist aber unser Trail.“

„Oh?“

Nachdem wir wie üblich unser Abenteuer erklärt haben, meint er, dass wir sicher tough genug sind, einen Weg dadurch zu finden. Bleibt uns auch nix anderes übrig – wenn wir nicht komplett die Straßen drumherum nehmen wollen, die aber nunmal nicht unsere Route sind. Die ersten paar hundert Meter sind noch okay. Dann wird das Dickicht dichter und wir müssen uns einen Weg durch das Bachbett bahnen, in dem auch immer mal wieder kleine bis mittlere Wasserlöcher sind.

Völlig zerkratzt, kommen wir zu einer Stelle, an der sich die Schlucht öffnet und sich sogar ein alter Feldweg befindet. Die Belohnung fürs Durchkämpfen durch den Dschungel. Von hier geht es recht unspektakulär weiter. Die Felsen sind jedoch weiterhin ein Augenschmaus. Besonders die des Painted Canyons, wo wir nach gerade mal knapp 24 Kilometern unser Cowboylager aufschlagen. Umgeben von hohen Felswänden haben wir hier sogar mal am Abend richtig schön Schatten.

Tag 38: Painted Canyon zu The Tongue

Der vorletzte Tag auf dem Oregon Desert Trail bricht an. Oder eigentlich sogar der letzte, denn wir wollen kurz vor dem Ziel campen. Vorher aber lassen wir es uns an unserer Schlafstelle im Painted Canyon gut gehen. Wir schlafen länger (nach ausgiebigem Sternegucken und Fledermausbeobachten auch nötig), trinken Kaffee, kuscheln uns nochmal in die Schlafsäcke und genießen den Schatten, den wir für den Rest des Tages nicht mehr haben werden.

Ganze zwei Stunden später als sonst geht es los. Der Painted Canyon ist ein Traum an Felsformationen, die man so sonst eher in Arizona oder Utah vermuten würde. Viel Zeit geht beim Staunen und Fotografieren drauf. Einige Kletterpassagen über trockene Wasserfälle sind auch dabei.

Am Ende des Canyons angekommen, steigen wir einen kleinen Lavastrom hinauf und finden erst kleine Kristalle, dann immer mehr. Die Vernunft setzt aus und auf einmal sind wir mittendrin im Rockhounding – die Zeit vergessend und auch den Fakt, dass wir kaum noch Wasser haben und die nächste Quelle unsicher ist. Egal, wir wühlen uns weiter durch Lavagestein und hätten dabei fast die süße Gopher Schlange übersehen, die im Geröll gerade auf der Jagd ist.

Mit zu vielen Steinen im Gepäck machen wir uns nach einer Stunde dann noch wieder auf den Weg. Die South Sheephead Spring hat zwar Wasser, aber es tröpfelt mal wieder nur sehr langsam aus dem Rohr. Auf Nummer sicher gehend, nehme ich trotzdem je einen halben Liter für Amazon und mich mit, auch wenn sie sich erst sträubt und meint, sie käme mit ihrem Rest auch noch fünf Kilometer weiter. Am Ende ist sie dann aber doch dankbar fürs frische, kühle Wasser.

Um eine weitere Quelle zu erkunden, baldowern wir unsere eigene Cross Country Route aus. An der Sheephead Spring finden wir neben Kühen auch zwei gut gefüllte Tröge mit sehr annehmbarem Nass. In einem schwimmen sogar Kaulquappen. Mit einem weiteren Liter an Board schlagen wir uns zum nächsten Feldweg und laufen zu unsere Haupt- und letzten Quelle des Tages. Die Kühe sind nicht erfreut, als wir uns ihrer eifrig sprudelnden Quelle nähern. Sie muhen verdrossen und gehen auch nicht wirklich weit weg. Besonders den Bullen immer gut im Auge behaltend, zapfen wir jeder viereinhalb Liter und verlassen die Kühe wieder.

Nach 17 Kilometern fällt uns auf, dass eine Pause vielleicht doch mal ganz gut wäre. Also setzen wir uns wie immer mitten in den Dreck und versuchen uns vor der Sonne zu verstecken. Gelingt uns nur bedingt – und wir schlagen unser Zelt nach weiteren sieben Kilometern ebenfalls ohne Schatten auf. Dafür mit Blick auf das Brandgebiet, das erst vor einigen Tagen gelöscht wurde. Morgen geht es zum Lake Owyhee – und zum Ende des ODTs.

Tag 39: The Tongue zum Eastern Terminus des Oregon Desert Trails

Nach 38 Tagen kommen wir um 9.15 Uhr morgens am Eastern Terminus des Oregon Desert Trails an. Schon ein paar Kilometer davor können wir von der Straße hoch oben sehen, dass sich meine Vermutung bestätigt: Wir werden zum Ziel schwimmen müssen. Da der Lake Owyhee in diesem Jahr besonders hoch steht, ist ein Teil der kleinen Landzunge unter Wasser. Nach so vielen Tagen und Wochen des Wassermangels schon ironisch. Aber wir tragen es mit Fassung. Irgendwie passt es zum Finale des ODTs.

Am Indian Creek Campground angekommen, ist Tim, unser Abholer nach Boise, schon vor Ort. Er weiß allerdings nur zu gut, wie es uns in dem Moment geht und er gibt uns alle Zeit und den nötigen Abstand, den wir fürs emotionale Ende brauchen. Wir stellen unsere Rucksäcke ab und entledigen uns unserer Wanderklamotten. In Unterwäsche geht’s ab ins Wasser. Getreu der Gewohnheit auf dem Trail, schafft es Amazon mal wieder, die schlechtere „Spur“ zu erwischen und geht vollends baden. Ich dagegen halte mich nah am Baum und finde einen Weg, auf dem ich nur bis zum Bauchnabel durch den See wate.

Auf der kleinen Insel angekommen, klettern wir den markanten Felsen hinauf. Hier ist der Oregon Desert Trail offiziell zu Ende. Natürlich gibt es auch an dieser Stelle keinen Hinweis darauf. Der Endpunkt ist nur in unseren Karten zu finden. Mit einer winzigen Flasche Whisky wird gefeiert und wir starren eine ganze Weile einfach auf den See hinaus. Bislang mit Abstand mein schönster Terminus!

Um 10 machen wir uns zurück zu Tim, der uns mit Donuts und Kaltgetränken verwöhnt. Dann geht es auf eine zweistündige Autofahrt nach Boise, Idaho. Bye bye, Oregon Desert Trail! Du bist etwas ganz besonderes! 🧡

Nachwort

Der Oregon Desert Trail ist eins meiner eindrucksvollsten und am härtesten erarbeiteten Abenteuer. Ich habe viel gelernt!

Zum Beispiel,

  • dass man einen Trail oder eine Hinterlandstraße nicht für selbstverständlich nehmen sollte
  • dass Schatten in Gegenden wie hier ein absoluter Luxus ist
  • dass Nachtwandern keine Lösung ist, wenn man tagsüber (durch Schattenmangel) keine Siesta halten kann
  • dass die Umstellung von Pacific Time auf Mountain Time durchaus einen Unterschied macht, wenn man trotzdem um 6 Uhr aufsteht, aber die Sonne bis 21.30 Uhr auf einen runter brezelt und man um 19 Uhr kein Lager aufschlagen kann, ohne zu verglühen
  • dass zuverlässige Wasserquellen durch Kuhherden zerstört werden
  • dass Cross Country schmerzhaft, mühselig, Furcht erregend, aber genauso befreiend, abenteuerlich, spannend und spaßig ist
  • dass gute Entscheidungen in der Abgeschiedenheit unerlässlich sind und die Fehlertoleranz extrem gering ist
  • dass man es zumindest immer versuchen sollte, eine Section zu gehen, bevor man möglicherweise die sichere Variante wählen muss
  • dass manchmal ein Arztbesuch unumgänglich ist
  • dass Menschen super hilfsbereit sein können, auch wenn sie keine Ahnung haben, was wir hier tun (oder uns für Obdachlose halten)
  • dass man auf dem ODT ständig am Steinesammeln ist

Würde ich es wieder machen? Auf jeden Fall! Aber auf bestimmten Abschnitten wie dem Wildhorse Canyon nur noch mit Schienbeinschutz für Eishockey-Player. Scherz beiseite: Ich empfehle jedem einen Schirm für Schatten mitzunehmen und robuste Gaiter für die Cross Country-Abschnitte!

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