Tag 9: Chevaucan River zur Myers Meadow Spring
Nach einer verregneten Nacht – man glaubt es kaum – strahlt am Morgen wieder die Sonne. Frisch ist es, aber wir laufen uns auf der Straße entlang des Chevaucan Rivers schnell warm. Heute betreten wir einen besonderen Abschnitt, denn zum ersten Mal haben wir nach rund 240 Kilometern richtigen, namentlich ausgewiesenen Trail unter den Füßen. Keine steinige Hinterland- oder Schotterstraße, kein Bushwhacking. Richtig echter Trail zum Wandern! Ein fantastisches Gefühl und eins, dass man erst hat, wenn man etwas wie den Oregon Desert Trail läuft. Als PCT-Hiker ist man dagegen echt verwöhnt, auch wenn man es zu dem Zeitpunkt nicht so sieht oder weiß.
Mit diesem Glücksgefühl fliegen wir fast hinein und hinauf in die Berge des Fremont-Winema National Forests. Unsere romantische Vorstellung eines dichten saftigen Waldes wird allerdings schnell getrübt, denn hier hat es erst vor wenigen Jahren gebrannt und es stehen nur noch schwarz verbrannte Bäume vereinzelt in der Landschaft herum. Unglaublich schade. Trotzdem ist der Ausblick auf die umliegenden Berge fantastisch und wir genießen jeden Moment. Bei Skunk Hollow gönnen wir uns eine längere Pause, kühlen die Füße im Bächlein und ich ernte ein wenig Miner‘s Lettuce fürs Abendessen.
Danach geht es mit dem Anstieg weiter, denn höchstgelegenes Zwischenziel heute ist der Feuerwachturm auf dem Morgan Butte auf 2.200 Metern. Den erreichen wir am Nachmittag und werden nicht nur mit tollem Panorama belohnt, sondern auch mit der Gesellschaft von drei süßen Murmeltieren. Leider sehen wir von Norden aber auch dichte Rauchwolken aufsteigen. Hier in der Gegend und zu dieser Jahreszeit haben wir nicht mit Waldbränden gerechnet.
Wir steigen bei eiskaltem Wind vom Berg hinab, finden mal wieder viel zu viele interessante Steine (gelbe Achate) und kommen daher erst später als geplant bei unserem potentiellen Zeltplatz an. Nach einigem Hin und Her (Wasser und Plätze sind an der einen Stelle suboptimal, bei der anderen ist immerhin das Wasser toll), lassen wir uns nieder und beobachten, wie die Rauchwolken immer näher kommen. Hoffentlich nicht bis zu uns …






Tag 10: Myers Meadow Spring zur National Forest Dev Road 3636
Ein wunderschöner Sonnenaufgang weckt uns gegen 5.30 Uhr. Der Rauch hat sich verzogen und die Luft ist klar. Nach zwei(!) Kaffee machen wir uns auf zur vorletzten Etappe, bevor wieder ein Town Day winkt. Wir steigen langsam von 2.000 Metern ab und haben dabei superschöne Ausblicke auf die Täler unter und die Vulkanhügel um uns. Zwischendurch treffen wir auf einen Hiker, der in die andere Richtung geht und den Pazifik als Ziel hat. Einige Kurven später holen wir Scott ein, einen älteren Hiker, mit dem wir seit ein paar Tagen leapfroggen. Ein kurzer Gruß und es geht weiter.
Der bislang gut ausgebaute Trail verliert sich bald zusehends in Blumen, hohem Gras und Gestrüpp. Teilweise garniert mit umgefallenen Bäumen. Insgesamt verläuft der Trail hier leider zu 90 Prozent durch ein altes Brandgebiet. Es gibt keinen Schatten, jede Menge Asche, die wir mit unseren Füßen aufwirbeln, und kaum Wasser. Zwischendurch helfen wir Scott, der nur mit Papierkarten navigiert, wieder auf den richtigen Kurs zu gelangen. Als er eine Pause macht, wandern wir weiter, da wir zur nächsten und auch laut Guidebook letzten verlässlichen Wasserquelle für die nächsten 30 Kilometer wollen.
Pine Creek ist ein kleiner Traum von einem rauschenden Bach, in dem wir unsere Füße kühlen und uns schnell waschen. Leider liegt auch dieser in der Brandzone ohne Schatten, sodass es hier im Talkessel brütend heiß ist. Trotzdem legen wir rund anderthalb Stunden Pause ein. Als wir losgehen, trifft Scott ein und sagt, er habe sich ein paarmal verlaufen. Ein bisschen leid tut er mir schon, denn in dieser Gegend kann das fatal enden. Hier ist außer uns niemand.
Da der Pfad nicht besser, sondern immer schwieriger zu meistern ist (überwuchert und mit vielen zu umkletternden Bäumen gespickt) und wir mit je vier Litern Wasser schwer zu schleppen haben, entscheiden wir uns dazu, zu einer alten Straße hinaufzusteigen. Die führt zu einem kleinen See und sogar einem fließenden Bächlein. Vielleicht eine neue Alternative fürs Guidebook, um die Wasserknappheit und den Marsch über den kaum mehr vorhandenen Trail zu lösen?
Da wir für morgen nur noch wenige Kilometer bis zum Trailhead haben, schlagen wir nach wieder mal längerer Suche (zwischen den ganzen toten Bäumen, unserer sogenannten Dead Zone, wollen wir nach dem PCT nie wieder campen) um 17 Uhr die Zelte auf. Kochen, Dreck abputzen, essen und beim Quaken der Frösche einschlafen.






Tag 11: National Forest Dev Rd 3636 zum Highway 395 nach Lakeview
Heute Morgen rächt sich mal wieder die Wahl des Zeltplatzes auf einer offenen Wiese: Unsere Zelte und Schlafsäcke sind klatschnass. Aber in einem Gebiet, das nur aus toten Bäumen besteht, bleibt einem nunmal nichts anderes übrig. Weil nur 13 Kilometer bis zum Highway 395 (unser Zugangspunkt in die Kleinstadt Lakeview) vor uns liegen, lassen wir uns eine Stunde länger Zeit als sonst. Trinken Kaffee in Amazons Zelt, lösen Worträtsel und versuchen, die Sachen so gut es geht schon mal vorzutrocknen.
Um halb 9 machen wir uns auf die Socken und folgen ausschließlich einer breiten Schotterstraße, die uns auch aus dem Brandgebiet des Fremont-Winema National Forests rausführt. Nachdem wir es verpasst haben, uns nach 100 Meilen einen Marker zu „bauen“, schaffen wir es diesmal immerhin für die 200 Meilen (nach unserer ganz individuellen Route). Nach einer ausführlichen Fotosession latschen wir zum Highway 395 und halten unsere Daumen raus.
Es fahren nur wenige Autos vorbei und die Fahrer wissen mit uns nichts anzufangen. Niemand macht auch nur Anstalten, anzuhalten. Leider gibt es hier kein UBER oder ähnliches, sodass wir weiter in der heißen Sonne warten und hoffen. Nach einigen Minuten kommt ein Truck die Schotterstraße heruntergefahren, die wir gerade gegangen sind. Vollbeladen mit Holz hat er aber noch Platz für zwei mitfahrbedürftige Wanderinnen. So bleiben uns die rund 15 Kilometer entlang der Straße nach Lakeview erspart, die nicht Teil des Oregon Desert Trails sind. Nicht so Scott, den wir am Straßenrand entlang tigern sehen.
In Lakeview bleiben wir nun zwei Tage. Zum einen, weil ich von hier die restlichen Versorgungspakete verschicke. Zum anderen, weil ich mir gestern bei einer unglücklichen Bewegung das Knie mal wieder verdreht habe und es sich innen drin anfühlt, als hätte sich darin ein Tennisball an Wasser gefüllt. Also hochlegen, kühlen, Pause. Was der Doktor empfehlen würde.





