Abert Rim

Abschnitt 4 Lakeview nach Plush – Oregon Desert Trail

Tag 12: Lakeview zum Vee Lake Campground

Um 7.15 Uhr morgens werden wir nach zwei Tagen Pause/Logistik von einem Bekannten, den ich von Arizona Trail 2019 kenne, zurück zum Trail gefahren, wo wir ihn verlassen haben. Die kühlen Morgenstunden sind ideal, um die ersten Kilometer am Highway 395 zu absolvieren. Bald biegen wir aber wieder ins Hinterland ab und freuen uns über ein sattes grünes Waldgebiet, das uns Schatten spendet und mit dem Timber Trail sogar einen vernünftigen Weg.

Mit viel Staunen über den plötzlichen Szenenwechsel von derber Wüste zu einer Waldoase machen wir uns an den Aufstieg, der uns heute mindestens die Hälfte des Tages beschäftigen wird. Wir folgen einem rauschenden Bach, überqueren mehrere davon und sind zur Abwechslung mal ganz leise, nachdem wir ein paar alte Bärentapsen im Matsch finden. Leise deswegen, weil wir nun hoffen, einen Bären zu sehen. Wenn nicht hier, dann nirgendwo auf dem Trail.

Kein halbe Stunde später passiert es dann auch tatsächlich: Vor uns steht ein kleiner Schwarzbär. Der ist aber so scheu, dass er so schnell im Wald verschwindet, sodass wir kein Foto von ihm erhaschen können. Trotzdem eine Begegnung, die wir gar nicht zu hoffen gewagt hatten. 

Von hier an geht es weiter ordentlich bergauf. Wir überqueren etliche Schneefelder und auch der Trail verschwindet bald unter einer Schneedecke. Was anstrengend klingt, macht uns eine riesige Freude! Lachend und jauchzend geht es den Berg hinauf bis auf 2.350 Meter Höhe! Erst nach 30 Kilometern stellen wir uns die Frage, ob wir wirklich noch bis zum geplanten Ziel – Vee Lake – in acht Kilometern gehen wollen. 

Jedoch findet sich auf dem Weg dahin kein geeigneter Platz zum Zelten. Also beißen wir nochmal die Zähne zusammen, furten Honey Creek und arbeiten uns aus dem Canyon und zu Vee Lake. 38 Kilometer mit 1.276 Höhenmetern stehen am Ende auf der Uhr. Und die merken wir nun auch. Nachdem uns fast die Mücken auffressen, koche ich mir schnell mein Essen und dann fallen auch gleich die Augen zu. 

Ach ja, in der Ferne konnten wir sogar Mount Shasta in Kalifornien sich stolz erheben sehen. Und ich habe wilde Minze geerntet.

Tag 13: Vee Lake Campground zur Schotterstraße via Abert Rim

Nachdem wir gestern so einen tollen Tag hatten, hat uns die Strecke heute mal wieder niedergestreckt. Teilweise im wahrsten Sinne des Wortes. Am Morgen steigen wir noch froher Dinge durch ein kleines Waldgebiet auf, füllen unsere Flaschen und freuen uns über frische Bärenkacke.

Dann beginnt die nächste Etappe Querfeldeinwandern, die uns zum Rande von Abert Rim, einer schwindelhohen, kilometerlangen Klippe führt. Das Gelände ist jedoch mehr als schwierig, denn mal wieder ist alles von kleinen bis großen Felsen überzogen. Grausam für die Knöchel, noch grausamer für mein Knie. An einem Stein bleibe ich mit meinem Fuß hängen und schlage der Länge nach hin. Danach brauche ich erstmal eine Minute, um mich wieder aufzurappeln. Dazu kommt, dass die Mücken uns ohne Unterlass attackieren. Die Etappe, auf die wir uns so gefreut hatten, können wir so kaum genießen. Zumindest lassen sich viele Pronghorns sehen und hüpfen in der Ferne umher.

Nach endlosen Kilometern über felsig-struppige Landschaft freuen wir uns, endlich wieder zu einer Hinterlandstraße zu kommen. Die ist aber größtenteils in ebenso schlechtem Zustand und kaum vom Querfeldein zu unterscheiden. Wir kommen den ganzen Tag nur sehr langsam voran und sind schon ziemlich fertig, als wir nahe Colvin Lake ankommen. Hier gönnen wir uns eine lange Pause unter einem Wacholder, denn jetzt wird es nochmal richtig hart.

Der kleine Bach, der sich hier durch die Landschaft schlängelt, ist unsere letzte Wasserquelle bis in die Kleinstadt Plush. Und die ist noch über 40 Kilometer entfernt. Heißt, alle Flaschen vollmachen und so mit rund fünf Kilo mehr weiterzustapfen. Das fällt uns zum Nachmittag mehr als schwer. Die Querfeldeinetappe hat uns mehr zugesetzt als der 1.250 Meter hohe Aufstieg vom Vortag. Aber es hilft nichts, ein paar Kilometer müssen wir noch machen. Im Schneckentempo.

Wie schon öfter ist es auch heute nicht einfach, im Sagebrush Ocean einen Platz für die Nacht zu finden. Und so campen wir aus Verzweiflung nun mitten auf der alten Straße, die auch gleichzeitig unser Trail ist. Hoffen wir, dass keiner vorbeikommt.

Tag 14: Von der Schotterstraße nach Plush

Heute Morgen starten wir in unsere Wanderung nach Plush durch eine wunderschöne Schlucht mit einigen tollen Felsformationen! Wir entdecken mal wieder eine durchaus annehmbare Wasserquelle, was für uns mittlerweile keine große Überraschung mehr ist. Dieses Jahr ist es auf dem ODT sehr, sehr nass. Zwei Jahre in Folge wurde Oregon mit überdurchschnittlich viel Schneefall gesegnet. Daher finden wir Wasser quasi überall. Das ist zwar schön, aber auch frustrierend, weil wir uns nicht darauf verlassen können, da in diesem Jahr noch niemand die Übersichtstabelle der Wasserquellen aktualisiert hat. Also tragen wir weiterhin 5 bis 6 Liter mit uns herum, von denen wir immer noch drei Liter auf dem Rücken haben, wenn wir an den perfekten Teichen, Flüsschen oder ähnlichem vorbeikommen. Better safe than sorry.

Weiter unten am Hügel kommen wir an einer alten Goldmine vorbei. Wir halten immer die Augen nach kleinen Goldklümpchen auf, aber alles, was ich finden kann, ist ein alter Bowlingkegel hoch oben auf einer Felsformation. Wir werden wohl nie erfahren, wie der dorthin gekommen ist. Unterwegs gibt uns der Hart Mountain in einiger Entfernung eine Vorschau auf das, was vor uns liegt.

Ein erneut elend langer Fußmarsch erst auf einer Schotterstraße, dann auf Asphalt steht an. Kaum nähern wir uns den Feldern rund um Hart Lake, verfolgen uns schiere Schwärme aus Mücken! Flotten Fußes legen wir die letzten Kilometer in den winzigen Ort Plush zurück und erfahren, wie es so ist, wenn man in den Mittelpunkt eines kleinen Sandtornados gerät.

Viele kleine Ortschaften auf dem Wanderweg haben Besucherregister oder Logbücher, in die wir immer gerne einen Blick werfen. Wir freuen uns, wenn wir die Namen anderer Wanderer sehen, die schon hier waren. Und natürlich schreiben auch wir immer fleißig unsere Namen dazu, damit alle hinter uns sehen können, wo und wann Bandit und Amazon hier waren.

In der Tankstelle/ dem Restaurant/Einkaufsladen essen wir einen Happen zu Mittag und sitzen dabei neben ein paar Cowboys. Die haben offensichtlich schon gut einen gehoben und stellen uns viele Fragen –  „Wo sind denn eure Ehemänner?“ „Was halten eure Ehemänner davon, dass ihr hier draußen seid?“ „Was musstet ihr tun, damit eure Ehemänner euch das (allein) machen lassen?“ Manchmal ist es lustig, aber oftmals einfach nur nervig, mit solch antiquierten Fragen bombadiert zu werden … vor allem, wenn man nur versucht, seinen gegrillten Käse zu genießen. Also schlingen wir hastig unser Essen hinunter, schauen ins Logbuch und ziehen dann schnellstmöglich ins Bunkhouse gegenüber ein.

Weiter mit Abschnitt 5: Plush nach Frenchglen

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