Abschnitt 5 Plush nach Frenchglen – Oregon Desert Trail

Tag 15: Plush zur Fisher Hot Springs über Hart Lake

Mückenterror! Das ist das, woran wir denken, als wir unser AirBnB in Plush kurz nach 9 verlassen. Denn der Cowboy, der uns gestern die letzte Meile (nicht zum Trail gehörend) mitgenommen hat, hatte uns bereits gewarnt, dass es rund um Hart Lake aktuell besonders schlimm sei. Das hatten wir ja schon am Vortag mitbekommen. In Mückenspray gehüllt machen wir uns auf in die Warner Wetlands und zum Hart Lake – allesamt ein riesiges Mückenzuchtgebiet. Aber wir haben Glück, denn es ist am Vormittag recht windig. So lassen uns die Blutsauger für einige Stunden in Ruhe.

Stattdessen haben wir unsere erste Begegnung mit einer Klapperschlange. Die Babyschlange liegt erst mitten auf dem Weg und verkriecht sich dann im Gebüsch. Das Rasseln klingt noch sehr verhalten und putzig. Keine halbe Stunde später werden wir von der nächsten angerasselt. Die ist schon etwas größer, lässt sich aber in Ruhe fotografieren. Insgesamt sehen wir heute drei Klapperschlangen und drei Gopher Snakes – letztere sind nicht giftig.

Am südlichen Rand von Hart Lake finden wir etliche eindrucksvolle Petroglyphen. Viele davon sind wohl Pronghorns, teilweise mit Jagdszenen und vielen interpretationswürdigen Zeichnungen alter Zivilisationen.

Zum Nachmittag lässt der Wind langsam nach und die Mücken stürzen sich auf uns. Nach einer kurzen Pause zum Auffüllen der Wasservorräte an einem Trog nehmen wir die Beine in die Hand und flitzen so schnell es geht zu unserem Ziel: der Fisher Hot Springs. Dort parkt zwar ein Camper, aber Ted, der dort schon ein wenig länger steht, stört sich nicht daran, dass wir neben ihm unsere Zelte aufschlagen. Ich koche mir fix mein Wasser und während meine Nudeln darin einweichen, mache ich dasselbe in der Hot Springs. Ein geniales Gefühl, umgeben von Bergen und dunklen Wolken. Danach ist es Zeit, sich im Zelt vor den Mücken zu verstecken. Die sind nämlich immer noch hungrig.

Tag 16: Fisher Hot Springs ins Hart Mountain Antelope Refuge

Mal wieder laufen die Dinge ganz anders als geplant. Der Morgen ist zunächst entspannt und wir gönnen uns einen heißen Kaffee, spielen Wortspiele und latschen um 7.30 Uhr los. Der Himmel ist bedeckt und es windet. Das verschont uns zumindest von den Mücken. Wir winden uns ein wenig bergauf ins Antelope Refuge (die Pronghorns sind eigentlich keine Antilopen, sondern Gabelböcke, dennoch ist das Schutzgebiet so benannt).

Zwischendurch regnet es ein paarmal, aber nicht dramatisch. In unserer Pause jedoch müssen wir uns warm anziehen, denn es ist heute echt frisch. Die Landschaft im Refuge ist traumhaft schön und es springt sogar ein Pronghorn vorbei. Kurz vor einem alten Farmhause scheuchen wir zwei Kraniche auf – für Oregons Wüste schon ungewöhnlich.

Von hier an ist die alte Straße, die unseren Weg darstellt, immer mal wieder überflutet, sodass wir mehrfach Schuhe und Socken ausziehen müssen, um diese zu furten. Inzwischen hat der Wind nachgelassen und die Mücken haben uns zum Fressen gern. Unser Schritt wird immer schneller und wir freuen uns über eine kurze mückenfreie Pause in den Klohäuschen des Post Meadows Campgrounds. Hier wollen wir allerdings nicht bleiben, denn wir müssen noch ein paar Kilometer schrubben.

Stattdessen steuern wir den Guano Creek Campground an, den wir uns als schön im Nadelwald gelegen mit kleinem Bächlein vorstellen. Als wir dort ankommen, holt uns jedoch die Realität ein. Hier hat schon lange niemand mehr gecampt. Der ehemalige, von Pappeln umrahmte Campground ist geschlossen. Sehr wahrscheinlich, weil die Bäume alle abgestorben und zum größten Teil umgestürzt sind. Campen ist hier inzwischen sogar verboten. Ernüchtert und enttäuscht ziehen wir weiter.

Die Mücken haben derweil ein unerträgliches Maß erreicht. Aus Verzweiflung und Alternativlosigkeit schlagen wir mal wieder unsere Zelte mitten auf der (geschlossenen) Straße auf. Die Hot Springs morgen hat daher einiges gut zu machen.

Tag 17: Hart Mountain Refuge zum Rock Creek via Hot Springs

An diesem mückenreichen Morgen können wir gar nicht schnell genug unsere Zelte zusammenpacken und losstiefeln. Mittlerweile ist sowohl Amazon und auch mir das Mückenspray ausgegangen und wir fragen uns, wie wir wohl die nächsten Tage ohne ebendieses überstehen sollen. Klar, kann man – aber um nicht ganz den Verstand zu verlieren, ist es durchaus hilfreich.

Schon nach wenigen Minuten erreichen wir einen kleinen Pass und damit auch den höchsten Punkt des Tages. Ab hier geht es fast nur noch bergab. „A real treat“ – ein wahrer Genuss, wie die Amis zu sagen pflegen. Aber heute wartet noch ein weiterer genüsslicher Ort auf uns: Hart Mountain Hot Springs, die wir nach sieben Kilometern erreichen. Die heißen Quellen bestehen hier aus mehreren natürlichen Pools und einem hübsch hergerichteten mit Steinmauer, Bank und Leiter. Der ist bei unserer Ankunft aber besetzt, also dippen wir erstmal in einen der natürlichen Pools mitten auf der Wiese. Als ich schon splitternackt im heißen Wasser gare, zückt Amazon eine Miniflasche Whiskey, die sie mir extra für den Moment mitgeschleppt hat! 🧡

Einige Minuten später können wir in den ummauerten Pool umziehen und lassen uns hier gaaanz viel Zeit. Ich springe sogar zwischendurch mal in den eiskalten Bach, der nebenan plätschert. Irgendwann müssen wir aber doch einsehen, dass wir noch ein paar Meilen vor uns zu liegen haben und machen uns auf die Socken. Keine zwei Kilometer später hält ein Auto neben uns an und fragt uns, ob wir den ODT wandern. Kenny Powers – so sein Trailname – ist vor einiger Zeit den Appalachian Trail gewandert und zeigt sich sichtlich interessiert an unserem Abenteuer. Unser Interesse wird geweckt, als er uns ein kaltes Bierchen in die Hand drückt! 

„Braucht ihr noch was?“ 

„Ähm, unser Mückenspray ist uns ausgegangen und die kleinen Monster sind hier unersättlich.“

Ohne Zögern greift er in seinen Kofferraum und händigt Amazon eine große Büchse Mückenspray aus. Wir werden es bis zum Ende unseres Trails tragen und nie wieder brauchen …

Am Hart Mountain Headquarter ist zwar das Visitor Center geschlossen, aber wir können unsere Wasserflaschen an einem Wasserhahn außen mit Trinkwasser auffüllen. Mit schwerem Gepäck biegen wir auf eine Schotterstraße, die das Gepäck nur noch schwerer macht, denn wir finden tonnenweise schicke Steine: Jaspis in olivgrün, ocker und weinrot!

Was anfangs noch eine absolut annehmbare Straße ist, verliert sich nach und nach in Gras, Beifußbüschen und Geröll. Wir folgen nun einer vagen Spur durchs Gelände, mal wieder eine echte Cross-Country-Erfahrung, obwohl die Karte weiterhin eine Straße zeigt. Amazon geht relativ bald die Luft aus und sie schleicht im Schneckentempo hinter mir her, während ich versuche, die beste Spur zu finden. Viel später als erhofft erreichen wir den Rock Creek, wo wir auf Skootchie (Scott) treffen, der gerade sein Wasser filtert und um 19.30 Uhr noch weiterzieht. Wir dagegen finden auf der anderen Bachseite einen großartigen Platz zum Zelten. Zu unserer Erleichterung bleiben die gefürchteten Mücken aus. Stattdessen genießen wir das abendliche Konzert der Frösche und Zikaden mit einem Shandy aus Kenny Power’s Bier und einer Packung True Lemonade-Drink Mix.

Tag 18: Rock Creek zum Augustine Canyon

Nach einer entspannten Nacht am froschbesetzten Rock Creek brechen wir unser Lager ab, furten den angenehmen Bach und bereiten uns auf einen heißen Tag vor. Ein paar Kilometer Cross Country durch hohes Gras liegen noch vor uns. Bevor wir dem Rock Creek den Rücken kehren, nutzen wir das herrliche Wasser nochmal zum Frischmachen, Socken waschen und Wasserflaschen auffüllen. Eine lange Durststrecke wartet auf uns. 

Der ODT führt uns über staubig-sandige Hinterlandstraßen, die zu allen Seiten von einem Meer aus Sagebrush gesäumt sind. Bäume sucht man hier vergeblich. Und so ist der einzige Schatten unter einem etwas höheren Busch ein wahrer Segen. 

Am frühen Nachmittags sehen wir am Horizont einige Staubwolken. Tatsächlich ein Auto! Drinnen sitzt Ben, der junge Cowboy, der uns viele ernstgemeinte Fragen zum Trail stellt. Nicht immer haben wir das Gefühl, dass das Interesse wirklich vorhanden ist, aber Ben stellt gezielte Fragen, die uns wissen lassen: Ja, der Mann hat wirklich Lust darauf. Er selbst ist gerade auf der Tour, die Teiche und Tümpel zu überprüfen, aus denen sich die Kühe bedienen. Perfekt, denn uns interessiert brennend, ob die auf einem Abstecher gelegene Buckhorn Spring Wasser hat, das wir nutzen können. Ja, Buckhorn Spring hat jede Menge Wasser, bestätigt er uns. Freudestrahlend verabschieden wir uns und wandern weiter.

An der Buckhorn Spring angekommen, setzt dann jedoch Ernüchterung ein. Zwar hat der Tümpel Wasser, aber der ist durchsetzte mit Kuhkacke. Na klar, wir haben Filter dabei. Aber der Geschmack bleibt und wir haben eine alternative Quelle in Aussicht. Für die müssen wir jedoch drei Kilometer Umweg in Kauf nehmen, da sie nicht am Trail liegt. Und das mögen Thru-Hiker gar nicht. Als Kompromiss planen wir, an besagter Wasserquelle im Augustine Canyon zu übernachten. So müssen wir wenigstens kein Wasser für die Nacht schleppen. 

Und so schlappen wir in den Augustin Canyon und zu der alten Farm, die gar nicht mal so verlassen aussieht. Zwar ist niemand hier, aber es gibt genug Anzeichen, dass ab und zu schon jemand vor Ort ist. Bevor wir unser Lager richtig aufgeschlagen haben, bemerkt Amazon, dass der gesamte Boden von pieksigen Pflanzen überzogen ist, die sowohl durch unsere Unterplane als auch unsere Zeltböden stechen. Keine Chance, dass unsere aufblasbaren Isomatten das überleben. Ich suche eine ganze Weile herum, aber die Pflanzen sind überall! Es ist bereits spät und wir haben schon 35 Kilometer geschrubbt. Aber es bleibt uns nichts anderes übrig, als die Sachen wieder einzupacken, viel Wasser aus dem solarbetriebenen Brunnen zu schöpfen und uns auf die Suche nach einem anderen Platz zu begeben. Wo immer das sein mag.

Mit betretenem Schweigen verlassen wir den Canyon und halten nach allen Seiten Ausschau. So weit wir sehen können, sind überall destruktive Pflanzen auf dem Boden. Und sind sie es mal nicht, befindet sich dort ein Ameisenhaufen. Nach weiteren drei und damit insgesamt über 38 Kilometern finden wir eine einzige kleine Stelle, die pflanzenfrei ist. Zwei Zelte passen hier auf keinen Fall, also schlagen wir zum ersten Mal auf dem ODT ein Camp im Cowboystyle auf. Am Ende ein wunderschöner Platz mit grandiosem Blick über die Landschaft. Und ein paar Wildpferde toben auch noch rum.

Tag 19: Augustine Canyon bis kurz hinter dem Hole-in-the-Ground

Nach einer Nacht unterm Sternenhimmel und nur ein bis zwei Mücken wachen wir mit neuer Motivation auf und gönnen uns einen heißen Kaffee. Um die Uhrzeit noch genießbar, denn es wird heute äußerst heiß. Und vor uns liegt ein weiterer Tag ohne Bäume am Wegesrand. Um 9.30 Uhr ist die Hitze schon kaum mehr erträglich. Nach 13 Kilometern kommen wir beim Millers Place an, wo ein Brunnen köstliches klares Wasser spendet. Eine Wohltat, denn das einzige Wasserloch auf dem Weg war dank massenhaft Kuhkacke wieder wenig einladend.

An Millers Place machen wir eine ausgiebige Pause, denn hier steht eine einsame Weide, die uns rettenden Schatten spendet. Nach einer Stunde stößt Scott zu uns, den wir mal wieder überholt haben. In der gleißenden Mittagshitze machen wir uns mit 5 Litern Wasser im Rucksack wieder auf die Reise. Bei 31 Grad läuft mir der Schweiß nur so übers Gesicht. Und dann steht auch noch eine Crosscountry-Strecke an. Angesichts der Hitze und Wasserknappheit haben wir diese zwar für uns etwas angepasst, aber durch den tiefen Sand im Slalom um Sagebrush zu laufen, ist dennoch super anstrengend. 

Buchstäblich schweißgebadet setzen wir uns, nachdem wir wieder auf so etwas wie einer überwachsenen Sandstraße ankommen, zum Verschnaufen in den Dreck. Für die Bedingungen sind wir bislang echt gut vorangekommen und der Tag scheint durchweg gut zu werden. 

Aber natürlich haben wir die Rechnung nicht mit dem Wetter gemacht. Um uns herum ziehen sich auf einmal dichte Gewitter zusammen, die grollend über uns hinweg donnern. Besonders auf dem sechs Kilometer langen Plateau-Abschnitt wird uns beiden dann doch anders. Hier sind wir weit und breit das höchste Objekt. 

Wir nehmen die Beine in die Hand (obwohl wir schon wieder gut fertig sind), schrecken eine Mini-Klapperschlange und einen jungen Bullen auf und versuchen zügig an Höhe zu verlieren. Und da tauchen auch endlich wieder richtige Bäume auf! Den ersten Wacholderbaum seit etwa 100 Kilometern muss ich im strömenden Regen und Hagel unbedingt umarmen. Nachdem wir unsere Zelte aufgeschlagen haben, bleibt das Wetter weiter launisch. Mal bratende Sonne, mal grummelnde Gewitter, die wir teilweise aus Zelt, aber auch draußen bestaunen. Morgen kommen wir in Frenchglen an. Endlich wieder duschen!

Tag 20: Hole-in-the-Ground bis Frenchglen

Nach fünfeinhalb anstrengenden Tagen zwischen brütender Hitze, Gewittern, Wasserknappheit und Baumlosigkeit steht endlich wieder ein Town Day an. Da wir teilweise deutlich weiter gelaufen sind als ursprünglich geplant, sind es heute nur 12 Kilometer nach Frenchglen. Es geht über felsige Straßen, durch einen kleinen Talkessel und dann ziemlich direkt nach unten. Wer bisher noch keine Probleme mit Shin Splints hatte, bekommt sie garantiert auf dem Frenchglen Highway, der uns auf den finalen drei Kilometern sehr steil etliche hundert Meter an Höhe verlieren lässt.

In Frenchglen angekommen, stellen wir unsere Rucksäcke beim einzigen Hotel vor Ort ab und checken den Lebensmittel-/Souvenirladen aus. Dabei versuche ich, soviel Abstand zu den Menschen um mich herum zu halten, wie es nur geht. Nach so vielen Tagen ohne Dusche mit Schweiß und Dreck fühle ich mich wie Pumba – das will keiner riechen!

Gegen 12 können wir in unser Zimmer und schlagen beim Lunch zu. Für mich gibt es die Reste der Tagessuppe: Kartoffelsuppe mit Speck. Amazon bestellt sich dagegen einen Veggie-Burger. Zufrieden chillen wir danach im Zimmer, nehmen eine endlose Dusche, laden unsere Geräte und lecken unsere Wunden – ein dickes Knie, ein gezerrter Muskel, Hitzeausschlag … und zu allem Unglück bin ich gestern noch in einen meiner Heringe getreten. Man sammelt.

Morgen (Samstag) legen wir einen Ruhetag ein. Leider müssen wir das Zimmer wechseln, weil das historische Gebäude anscheinend im Reiseführer vieler Durchreisender gelistet und damit am Wochenende voll ausgelastet ist. Inzwischen sind wir hier sogar insgesamt vier ODT-Hiker: Scott „Skootchie“, „Rooster“ aus Bremen, der einige Kilometer per Anhalter hergekommen ist und wir zwei. Damit sind wir diesen Frühling wohl die Hiker-Bubble des Oregon Desert Trails. Gemeinsam überlegen wir einen Schlachtplan für die anstehenden gefährlichen Flussüberquerungen und die Schneemassen auf Steens Mountain. Ach und Gewittern soll es weiter unentwegt. Wird einfach nicht besser.

Weiter zu Abschnitt 6: Frenchglen to Alvord Hot Springs

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