Abschnitt 6 Frenchglen bis Alvord Hot Springs – Oregon Desert Trail

Tag 21: Frenchglen zum Riddle Reservoir

Mal wieder ein ODT-Tag wie er im Buche steht. Vor dem Aufbruch gönnen wir uns im Frenchglen Hotel noch ein köstliches Frühstück und brechen gegen 9 Uhr auf. Die ersten fünf Kilometer führen über eine Schotterstraße, auf der wir zum (Donner and) Blitzen River gelangen. Da der Fluss durch die Schneeschmelze und Gewitter ordentlich hoch steht und super schnell fließt, entscheiden wir uns für die Alternativroute, die das Furten des Flusses vermeidet.

Der teilweise schwer zu verfolgende Pfad schlängelt sich durch den atemberaubenden Canyon. An einer Stelle ist er überspült und ich nehme hier schon mal durch eine unglückliche Wahl des Drumherumlaufens ein Bad bis zur Hüfte. Und damit nicht genug. Zwar müssen wir nicht den Blitzen River furten, dafür aber Fish Creek. Der Bach hämmert nur so durch die Schlucht. An einer einigermaßen passablen Stelle queren wir das rauschende Wasser möglichst vorsichtig, um von der Strömung nicht umgerissen zu werden.

Danach klettern wir ohne Pfad direkt eine Felswand hoch und laufen crosscountry über eine weite Fläche. Bei Big Spring, einem kleinen Bach, trifft die alternative Route wieder auf den Originalverlauf, wo wir einer alten, kaum erkennbaren Straße folgen. Um uns herum wird der Himmel immer dunkler. Die Tage auf dem ODT haben uns gelehrt: Auch wenn der Tag erstmal gut läuft – 17 Uhr ist, „When shit hits the fan“. Das ist auch heute nicht anders.

Punkt 17 Uhr bricht die Hölle in Form von Gewitter mit unglaublichen Regengüssen und murmelgroßen Hagelkörnern um uns los. Wir verkriechen uns in Gewitterstellung unter einem Wacholder, werden aber trotzdem nass bis auf die Knochen. Nach rund 20 Minuten ist das Schlimmste vorbeigezogen und wir gehen weiter. Allerdings hat der Starkregen alles aufgeweicht, sodass wir durch Matsch und Hagelkörner latschen. Meine Socken sind klitschnass und damit meine größte Sorge, denn ich habe gerade nur noch ein Paar. Nachschub wartet erst in fünf Tagen auf mich.

Nach 28 Kilometern beschließen wir an einem kleinen See, den Tag zu beenden und lassen in den letzten Sonnenstrahlen ein paar Sachen zumindest notdürftig antrocknen. Ganz trocken wird hier heute Nix mehr. Einen Lichtblick gibt es dann aber doch noch: Amazon hat extra für mich ein Stück des köstlichen Carrot Cakes vom Hotel mitgeschleppt. Als kleinen Stimmungsaufheller in der Not sozusagen.

Tag 22: Riddle Reservoir zum East Rim Overlook auf Steens Mountain

Klatschnass sind unsere Zelte am Morgen. So nass waren sie bislang noch nie. Das kostet uns mal wieder einiges an Zeit, die Zeltwände innen und außen abzuwischen und ein wenig zu warten, bis die Sonne zumindest eine Seite getrocknet hat.

Danach heißt es: feuchte Socken und Schuhe an, die auf den ersten Schritten durch die nassen Wiesen nur noch nasser werden. Wir treffen gegen 9 Uhr auf der historischen Riddle Brothers Ranch ein. Die Ranch dient heute als eine Art Freilichtmuseum, das die Vergangenheit lebendig werden lässt. Die freundlichen Verwalter, Patti und Greg, empfangen uns herzlich und verwöhnen uns sogar mit selbstgebackenem Bananenbrot. Sie haben uns quasi schon erwartet, denn Skootchie ist erst vor kurzem hier vorbeigekommen. Die beiden laden uns zum Frühstück ein, aber nach ein wenig Überlegen lehnen wir schweren Herzens ab. Schließlich müssen wir heute noch Steens Mountain erklimmen. Rückwirkend betrachtet, eine lausige Entscheidung und wir schwören uns noch am selben Tag, nie wieder eine Einladung zum Essen auszuschlagen.

Während wir die Straße zum South Steens Campground hinabspazieren, entfaltet sich eine kuriose Begegnung mit einem Typ namens Charlie. Er stellt sich als Biologe vor, der angeblich über Wölfe forscht, und bittet um ein Gespräch mit uns. Da wir Wölfe faszinierend finden und immer gern von unseren Wildtierbeobachtungen berichten, willigen wir ein. Überraschenderweise dreht sich das Gespräch am Ende um alles andere als Wölfe. Nach einer Stunde packen wir als Wink mit dem Zaun unser Zeug zusammen, das wir währenddessen zum Trocknen in der Sonne ausgebreitet hatten.

Als Charlie sich verabschiedet und in seinen Van steigt, wird es nur noch verrückter: Er überfährt seine eigene Kettensäge und einigen Kleinkram, den er unachtsam hinter seinem Auto liegen gelassen hat. Er schaut noch verwirrt aus dem Fenster nach unten, aber scheint seinen eigenen Krempel nicht zu erkennen … und fährt davon. Die Geschichte ist noch weit länger, aber mehr würde hier einfach den Rahmen sprengen. In jedem Fall erhält er von uns den inoffiziellen Namen Charlie Chainsaw und wir fragen uns bei allem, was wir so finden, ob Charlie es wohl „verloren“ hat.

Wir beginnen durch die Aktion deutlich verspätet unseren Aufstieg auf den Steens Mountain auf der Hauptschotterstraße, die auf halber Höhe des Berges für Autos noch immer gesperrt ist, um das Furten des gefährlich angeschwollenen Big Indian Creeks auf der offiziellen ODT-Route zu vermeiden. Wir halten noch einmal an einem Schmelzwasserbach an, um Wasser zu holen, wo wir auch Skootchie wiedertreffen. Anschließend überqueren wir einige größere Schneefelder, die meine Füße in Eisklötze verwandeln.

Als wir das East Rim erreichen, sind wir überwältigt von dem atemberaubenden Ausblick auf die Alvord Desert und die steil abfallenden, schneebedeckten Hänge. Voller Begeisterung rennen wir herum wie Kinder und schießen tonnenweise Fotos. Schließlich schlagen wir unser Cowboy-Camp auf 2.965 Meter Höhe auf, kochen unser Abendessen und bereiten uns auf einen unglaublich schönen Sonnenuntergang vor. Heute muss ich tatsächlich Amazons Angebot annehmen und mit ihrem Gaskocher kochen. Für meinen Holzkocher gibt es hier oben auf den kargen Felsen nämlich absolut nix zum Zündeln.

Tag 23: East Rim Overlook zur Alvord Hot Springs

Für diesen Tag fehlen mir eigentlich die Worte. Nichts vermag zu vermitteln, was wir heute durchgemacht haben. Man stelle sich das wie einen Hindernislauf vor. Das erste Hindernis besteht dabei aus einem eiskalten Windkanal auf Stufe 10 am Morgen, bei dem sämtliche Ausrüstung wegzufliegen droht, wenn man sie nicht festhält. Weiter geht es mit einem Parcours aus ausgesetzten Felsen. Natürlich mit Gepäck. Über diesen Parcours gelangt man zu einem rund 80 Grad steil abfallenden Schneefeld. Das gilt es zu überqueren, um nicht mehrere hundert Meter in die Tiefe zu rutschen. Zur Belohnung gibt es dann erstmal einen hübschen, eisüberzogenen Alpinsee.

Was dann folgt, ist pure Folter. Zu durchqueren ist ein rund acht Kilometer langes Feld aus scharfästigem Gebüsch (Sagebrush), das teilweise hüfthoch und quasi undurchdringlich ist. Das garniert mit einigen Rosenbüschen, die zusätzlich die Beine blutig kratzen. Ungefähr so, als würde man seine Waden in einen Käfig mit wütenden Katzen halten. Und das etwa sechs Stunden lang. Wenn dann schon alles wund ist, folgt ein Abschnitt durch Brennesseln. 

Damit die Haut mal Pause bekommt, ist das nächste Hindernis dann ein schroffes, mit rutschigem Kiesel überzogenes Kliff. Wer Angst vor ausgesetzten Stellen hat, kommt hier voll auf seine Kosten. Das gilt es fast einmal komplett zu umrunden – vorzugsweise ohne abzustürzen. 

Ungefähr das haben wir heute erlebt und für die ersten 14 Kilometer etwa acht Stunden gebraucht. Die restlichen zehn Kilometer über eine steile, felsige Straße bei 30 Grad ohne Schatten waren dann fast schon Erholung. Um 17 Uhr rollen wir in den Alvord Hot Springs ein. Genug ist genug. Am Ende des Kliffs hatten wir unterwegs noch Skootchie unter einem Busch gefunden. Genauso im Eimer wie wir, entschloss er sich ebenfalls dazu, heute bei der Hot Springs seinen Tag zu beenden.

P.S. Ganz vergessen: Selbstverständlich vergesse ich auch zum ersten Mal auf dem Trail mein Handy nach der Pause im Gras – und muss mich den ganzen Weg dahin wieder zurückkämpfen. Wenn denn ein Weg dagewesen wäre …

Weiter mit Abschnitt 7: Alvord Hot Springs nach Denio (Junction), Nevada

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