Abschnitt 8 Denio (Junction) nach McDermitt, Nevada – Oregon Desert Trail

Tag 27: Denio zur No Name Road

Mal ein recht ereignisloser Tag – darf ja auch mal sein. Amazon genießt am Morgen noch einen Breakfast Burrito im Restaurant/Tankstelle/Bar, während ich mir nur ein paar Haferflocken einverleibe. Das fettige Restaurantessen ist mir nämlich mal wieder gar nicht gut bekommen, sodass ich die letzten Tage nur sehr wenig bis gar nichts gegessen habe. Wenig ideal für eine Weitwanderung.

Mit latenter Übelkeit meiner Wenigkeit laufen wir um 10 Uhr dort los, wo wir den ODT verlassen haben: am Friedhof von Denio. Ein langer Marsch auf einer Schotterstraße liegt vor uns. Schatten gibt’s auch hier nicht, denn die Büsche rechts und links werden immer kleiner. Dafür hüpfen auf einmal massenweise Mormonen-Heuschrecken durch die Gegend und wir müssen arg aufpassen, nicht auf eine zu treten.

Nach etwa halber Strecke schlagen wir unsere Route in die Cottonwood Creek Road ein. Anhand unseres Kartenmaterials verläuft diese zwischen der Wilderness und Privatgrundstücken. Aber nicht durch Privatgrundstücke hindurch. Die Realität sieht mal wieder anders aus, denn wir passieren Gebäude, die eher nicht in der Wilderness stehen. Kurz vor unserer Pause kommt uns ein Auto entgegen. Oh oh! 

Die Beifahrerin kurbelt die Scheibe runter und fragt uns interessiert, wo wir denn hinwollen. „Wir sind auf dem Weg nach Boise, wir wandern über den Oregon Desert Trail.“ Nach ein paar lustigen Dialogen wünscht sie uns viel Erfolg – kein Wort darüber, ob wir gerade durch Privatbesitz latschen oder nicht. 

Die Nacht verbringen wir an einer überwachsenen Kreuzung nahe Cottonwood Creek. Es ist windig und immer wieder weht mir Sand ins Gesicht. Da mir immer noch ein wenig übel ist, gibt mir Amazon eine ihrer kleineren Portionen Abendessen, die ich gerade mal so schaffe. Hoffentlich ist mein Appetit morgen besser.

Tag 28: No Name Road in die Trout Creek Mountains/ Disaster Peak WSA

Was mich heute erwartet, ist wohl einer der schlechtesten Tage in meiner Weitwandergeschichte. Das fängt direkt morgens an, als wir in einer wolkenverhangenen Landschaft mit einem eiskalten Wind aufwachen. Alleine das Einpacken unserer Utensilien und Abbauen des Zeltes lassen unsere Hände trotz Handschuhen schmerzen. Wir hoffen auf Sonne, aber leider vergebens. Die Wolken haben sich genau dort versammelt, wo wir hin müssen: in den Bergen. 

Dadurch, dass ich in Denio und auch gestern so gut wie nichts gegessen habe, fühle ich mich extrem schlapp. Schon die ersten paar Höhenmeter gleich zu Anfang sind super anstrengend. Während der Wind heult, komme ich nur super langsam voran. Meine Hände spüre ich schon nach ein paar Minuten nicht mehr. Meine Uhr piept und ich bin froh, bereits drei Kilometer geschafft zu haben. Ich schaue rauf und die Ernüchterung setzt ein: Es waren erst zwei. Den Tränen nah schleppe ich mich hinter Amazon hinterher. Aus Angst vor Erfrierungen nimmt Amazon meine Hände alle paar Minuten unter ihre Achseln, um sie wenigstens ein bisschen aufzuwärmen. Mit mäßigem Erfolg. 

Immer wieder schweift mein Blick zum Aufstieg, der vor uns liegt. Rund 600 Höhenmeter. Und das ist erst der erste! Auf den Gipfeln der Trout Creek Mountains liegt Schnee und Frost. Ich habe keine Ahnung, wie ich das in meinem Zustand schaffen soll und bin mehrfach kurz davor, Amazon mitzuteilen, dass ich dazu heute nicht in der Lage bin. Wäre ich allein, hätte ich am No Name Creek nach knapp sechs Kilometern mein Zelt aufgebaut, mich in den Schlafsack gelegt, Tee gekocht und versucht, den Tag schlafend zu überstehen. Stattdessen legen wir auf meine Bitte eine Pause vor dem steilsten Teil des Aufstiegs ein. Keine Chance auf Sonne und der Wind kühlt uns weiter aus. Eine halbe Stunde später stehe ich wieder auf: „Bringen wir es hinter uns!“

Alle paar Schritte muss ich anhalten und verschnaufen. Nur im Schneckentempo geht es voran. Wie ich es auf 2.300 Meter Höhe schaffe, ist mir ein Rätsel, aber ich komme an. Sagebrush und Pappeln sind hier oben gefroren und es fängt leicht an zu schneien. Der Wind gönnt uns keine Pause und so laufen wir weiter bis zur letzten Wasserquelle des Tages am Trout Creek. Dort im Tal lässt sich die Sonne zum ersten Mal für einige Minuten blicken. In meine Zeltunterlage gehüllt zittere ich trotzdem in der Pause weiter. 

Vor uns liegt ein weiterer steiler Aufstieg. Und da wir keine Wasserquelle für die nächsten 30 Kilometer haben, müssen wir unsere Flaschen auffüllen. Weil es so kalt ist, ich sowieso kaum trinke und am Ende meiner Kräfte bin, entscheide ich mich, mit nur drei Litern auf die Etappe zu gehen. Um mehr Zeit zu haben, verlasse ich Trout Creek schon ein wenig vor Amazon – nur um dann einige Meter weiter erstmal einen Fluss zu furten. Laut fluchend ziehe ich meine Schuhe aus, wate durchs eisige Wasser und schleppe mich den Berg hinauf.

Auf 2.450 Metern erreichen wir den höchsten Punkt in der Disaster Peak Wilderness. Ohne Unterlass terrorisiert uns der Wind weiter. Wir sind schon den ganzen Tag in unseren Regenklamotten und wärmeren Schichten unterwegs und die halten uns gerade so warm. Jeder weitere, auch noch so kleine Aufstieg fällt mir irrsinnig schwer. Nach 30 Kilometern finde ich ein schönes gerades grasiges Plätzchen und will Amazon überzeugen, dort zu zelten. Windig ist es eh überall. Sie möchte aber lieber noch rund anderthalb Kilometer weiter gehen, um weniger Kilometer für die nächsten zwei Tage übrig zu haben. Schweren Herzens setze ich meinen Rucksack wieder auf und gehe hinterher. 

Als wir nach zwei Kilometern vor einem erneuten Aufstieg stehen, kapituliere ich. Es ist ohnehin schon schwer, in dieser Landschaft einen geeigneten Zeltplatz zu finden und mein Verständnis, warum wir den einzig guten Platz ausgeschlagen haben, sinkt auf Null. Mit Tränen in den Augen setze ich mich hin. Ich kann nicht mehr weiter gehen und sehe auch keinen Sinn darin. Nach 32 Kilometern mit 1.400 Höhenmetern in Eiseskälte mit kaum Essen im Magen ist für mich Schicht im Schacht. Und so kämpfe ich auf einer winzigen Stelle mit weniger Vegetation gegen den Wind, um mein Zelt aufzustellen. 

Den Rest des Abends verbringen wir vorwiegend in Stille. Immerhin gelingt es mir, mit meinem Holzkocher zu kochen und ein Abendessen zu mir zu nehmen, bevor ich mich frierend in alle meine Schichten im Schlafsack einrolle.

Tag 29: Trout Creek Mountains zur McDermitt Caldera

6 Uhr morgens, die Sonne scheint und es weht nur ein sanfter Windhauch. Eine leichte Eisschicht hat sich über unsere Zelte gelegt und das Wasser in unseren Flaschen ist mit Eisstücken gespickt. Unfassbar, dass es Mitte Juni in der Wüste Oregons noch so kalt wird.

Heute geht es mir ein wenig besser, aber das Frühstück muss ich mir trotzdem reinzwingen. Ebenso den String Cheese in der ersten Pause. Die latente Übelkeit ist noch da, wird aber im Laufe des Tages schwächer. 

Wir laufen die ganze Zeit über entlang einer erst etwas ruppigeren Straße, die dann aber in eine gut ausgebauten Schotterstraße übergeht. In der Ferne sehen wir Relikte alter Minen. Ganz in der Nähe wird demnächst eine riesige Lithium-Mine entstehen – willkommen in der Zukunft. An einem Wegweiser hingegen finden wir ein paar Informationen, die gefühlt (weil super pixelig) in den 80er Jahren dort aufgehängt wurden. Informationen, wieviele Steine und wieviel versteinertes Holz man in der Gegend sammeln darf. Versteinertes Holz? Da werden unsere Augen natürlich groß!

Mit scharfem Blick und verlangsamtem Tempo suchen wir also die Steine ab, die entlang der Straße liegen. Und siehe da: Ich finde tatsächlich ein kleines Stück versteinertes Holz. Und ein paar Minuten später noch eins, das ich aber Amazon überlasse.

Entspannt geht es für uns weiter. Für unsere alternative Route gibt es keine Infos zu Wasserquellen. Also versuchen wir, anhand von Satellitenbildern und dem Hydrography-Overlay in Gaia zu schätzen, wo wir Wasser finden werden. Sehr erfolgreich, denn überall dort, wo wir es vermuten, finden wir auch einen kleinen, gut fließenden Bach. Nur mit Zeltplätzen ist es mal wieder schwierig, denn erneut ist die Landschaft von dieser stacheligen bodenbedeckenden Pflanze überzogen. Ein winziges Stück Dreck ohne finden wir dann doch. Amazon zeltet, ich entscheide mich für die Cowboy-Variante. Gute Nacht!

Tag 30: McDermitt Caldera/Disaster Peak Road nach McDermitt

Die Nacht als Cowboy war fantastisch! Immer wieder vergesse ich, wie schön es ist, einfach unterm Sternenhimmel zu schlafen. Viel zu oft baue ich mein Zelt auf, weil es einem doch ein gewisses Gefühl der Geborgenheit beziehungsweise der eigenen „vier Wände“ gibt. Dabei ist es herrlich, diese eben nicht um sich herum zu haben, sondern einen leichten Windhauch, Sterne und am Morgen direkt eine grandiose Aussicht.

Amazon und mir fällt es heute besonders schwer, aus den Federn zu kriechen. Nach Frühstück ist mir so gar nicht. Ich bekomme gerade mal einen halben Keks herunter. Nach einem heißen Kaffee brechen wir auf Richtung McDermitt, der nächsten Kleinstadt. Bevor wir dort allerdings ankommen, finden wir am Wegesrand immer wieder interessante Steine (jaja, schon wieder 🤭) und mehr versteinertes Holz. Wie ich später herausfinde, stammt dieses wohl aus dem Miozän und es dürfte sich höchstwahrscheinlich um Millionen Jahre alte Zypressen handeln.

Gegen 11 Uhr kommen wir in McDermitt an, das an der Grenze zwischen Oregon und Nevada, aber selbst im Bundesstaat Nevada liegt. Leider können wir noch nicht in unser Motel einchecken, hier herrscht eine strikte Nicht-vor-15-Uhr-Regel. Und so holen wir uns erst ein Sandwich bei Subway (meine erste Mahlzeit des Tages, die ich nur zur Hälfte schaffe) und wollen dann beim Post Office unsere Pakete abholen.

Da stehen wir allerdings vor verschlossener Türe, denn wir haben (wie auch schon auf dem Pacific Crest Trail) nicht den relativ neuen Feiertag auf dem Schirm. Da es hier im Vorraum aber schön kühl ist, machen wir es uns hier gemütlich, um bis 15 Uhr außerhalb der Sonne und Hitze auszuharren. Immer mal wieder kommen Menschen hinein, um nach ihren Postfächern zu schauen. Eine Dame fragt uns, ob wir etwas zu essen oder Geld brauchen. Wir müssen wirklich ein erbärmliches Bild abgeben. Wenn sie wüsste, wieviel unsere (dreckige) Ausrüstung wert ist, die wir so tagtäglich mit uns schleppen …

Winnemucca: Wenn Krankheit keinen Aufschub mehr duldet

Leider ist ein unfreiwilliger „Ausflug“ vom Oregon Desert Trail in die nächstgrößere Stadt inzwischen unumgänglich. Seit nun über einer Woche plage ich mich mit Durchfall und Übelkeit herum. An Essen ist kaum zu denken, da mir nichts schmeckt und ich kaum etwas runter kriege. Abends noch eher als am Morgen. Die letzte Etappe mit teilweise Eiseskälte, Schnee und etlichen Höhenmetern mit geschwächtem Körper war daher kein Zuckerschlecken. Und das ist noch stark untertrieben … 

Da die nächsten Tage extrem heiß werden und mein Zustand nicht besser, überzeugt mich Amazon zu Taten. Um 9.30 Uhr stellen wir uns in McDermitt an die Straße und halten den Daumen raus. Nach einer halben Stunde haben wir Glück und ein Motocrosser auf dem Weg nach Mammoth Lakes nimmt uns mit nach Winnemucca.

Um 11.28 Uhr stehen wir in der Krankenhausabteilung „Urgent Care“, als gerade das Schild aufgehängt wird: „Wegen Mitarbeiterversammlung zwischen 11.30 und 13 Uhr geschlossen.“ Na klar. Also setzen wir uns in den Warteraum und schauen Serien auf dem Handy, bis ich um 13.15 endlich „einchecken“ kann. Mit deutschem Pass und deutscher Reisekrankenversicherung ist alles etwas komplizierter, aber ich komme zum Doktor. Nachdem ich ihm mein Leid erzählt habe, verschreibt er mir 1.000 mg Antibiotikum und etwas gegen die Übelkeit. Dass wir ohne Auto unterwegs sind, kann man hier nicht fassen.

Nachdem ich die Rechnung im Krankenhaus bezahlt habe, müssen wir anderthalb Kilometer zum Supermarkt laufen, worin sich die Apotheke befindet, in der ich die Medikamente bekomme. Anders als in Deutschland kann man in den USA nicht einfach in irgendeine Apotheke gehen, sondern das Rezept wird nur für eine bestimmte ausgestellt. Seltsam, aber ist so. Auch da läuft alles nicht so geschmiert. Meine Nachname ist auf einmal mein Mädchenname, mein Geburtsdatum im Juni und ich wohne in New York. Trotzdem habe ich 30 Minuten später meine Medizin.

Von dort latschen wir nun zwei Kilometer zur Highway-Auffahrt, um wieder die 110 Kilometer nach McDermitt zurückzukommen. Eine Dreiviertelstunde und mehrere Anläufe (die meisten fahren nicht so weit) später, hält ein großer LKW an und nimmt uns mit. Der Fahrer ist auf dem Weg nach Boise und freut sich über ein wenig Gesellschaft. 

Um 18.30 Uhr sind wir endlich wieder am Hotel. Mein Antiobiotikum hatte ich schon um 17 Uhr eingenommen und ich fühle mich furchtbar. Also verschwinde ich um 19 Uhr im Bett und schlafe erstmal für zwölf Stunden. Mal sehen, wie es weitergeht.

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