Abschied
Frisch geduscht und mit einer Alligatorträne im Auge verabschiede ich mich am nächsten Morgen von Warren und Jason. Eilig habe ich es heute nicht, es sind ja nur rund 24 Kilometer zu schaffen, drum zögere ich den Aufbruch bis 9.30 Uhr raus.
In der Prärie gibt es wenig Schatten und so nehme ich jeden Baum für eine kurze Pause mit, um abzukühlen. Auf einem Zeltplatz, der direkt am Trail liegt, schreibe den Jungs eine kleine Notiz ins Trailregister hinein – die sie nie lesen werden, weil sie am Platz vorbeirauschen. Weil ich niemanden mehr zum Quatschen habe, labere ich in meine Kamera, in einen leeren Schildkrötenpanzer und mit einem Kuhkälbchen, das ganz allein durch die Gegend streunt. Aber heute ist ein guter Tag, denn ich sehe immerhin drei Alligatoren, die nicht entweder irrsinnig weit weg sind oder nur die Augen rausgucken lassen.




Seltsam
Ein wenig verwirrt lässt mich die Beschilderung an der Schleuse zurück, die ich nicht umgehen kann. Ein Schild verbietet mir ausdrücklich, das Gelände zu betreten. Ein anderes sagt, Wanderer sollen auf den roten Knopf drücken, damit die Tröte ertönt. Laut dem dritten sollte ich meine Durchquerung zu Bürozeiten vorab anmelden. Wohlgemerkt: diese Schilder stehen auf der anderen Seite, nachdem ich schon bedenkenlos einmal durch das Schleusengelände durchmarschiert bin. Kurz danach finde ich einen schwarzen BH an einen Drahtzaun gebunden. Die Geschichte dazu gibt es später im Video…
Es ist nun nicht mehr weit bis zum Ende meines section hikes. Obwohl ich so spät losgetigert bin, bin ich trotzdem eine gute Stunde schneller als geplant, daher lege ich an einem anderen Zeltplatz noch eine weitere Pause ein. Idyllisch klappern die Knochen im Wind, die jemand als Windspiel an einen Ast gebunden hat. Man merkt, ich komme der Zivilisation wieder näher.


Bloß raus hier!
Die letzte Nacht will ich auf dem einladend klingenden Rattlesnake Hammock Campground verbringen, meinem „Extraction Point“ wie es die Militärjungs so schön sagen. Als ich dort aber am frühen Nachmittag ankomme, steht da schon ein Zelt. Auf den ersten Blick völlig normal. Je länger und näher ich mir die Szenerie aber ansehe, desto mulmig wird mir. Zeltpackung und Plane liegen verstreut in der Gegend herum. Daneben etliche Bierdosen. In der Picknickbank steckt ein rostiges Messer, darauf eine Art Gasbrenner, der sicher nicht zum Kochen gedacht ist. Neben einem kleinen Jagdhocker liegt die Packung eines Luftbettes, in der auch etwas steckt. Ein Schraubenzieher? Daneben im Dreck ein Hammer und noch etwas weiter weg eine Axt. WTF?
Da ich keine Lust habe, mit dem Hammer erschlagen, mit dem Messer geschnetzelt und dem Brenner geröstet zu werden, beschließe ich, mich vom Acker zu machen – und nehme die Axt mit. Wer weiß, wo die Besitzer gerade sind. Auf dem Weg zur sandigen Zufahrtsstraße gebe ich über meinen Satellitenmessenger meinem „Abholservice“ durch, dass ich an der Straße warte, weil auf dem Campground seltsame Gestalten sind. Im selben Moment erhalte ich die Nachricht: „Sei vorsichtig, der Platzwart sagt, da sind seltsame Gestalten.“ Mein Instinkt war also nicht so falsch. Während ich im Sand sitzend warte, höre ich auf einmal hinter mir laute Motorengeräusche aus der Richtung des Campgrounds. „Ach du sch…, jetzt kommen die und sehen, dass ich ihre Axt geklaut habe!“ In hohem Bogen werfe ich die Axt in das gerade mal knöchelhohe Gestrüpp und stehe auf. Quasi zeitgleich sehe ich am Horizont meine Rettung nahen.


Mit Rucksack und Axt hüpfe ich zu meiner besseren Hälfte ins Auto und wir fahren zum Platzwart, dem ich die Bilder zeige. Der will dem Sheriff Bescheid sagen, damit der sich mal umguckt. Die Geschichte wird er am nächsten Tag Warren und Jason brühwarm zum Besten geben. Zum Abschied empfiehlt er uns einen anderen schönen Platz in der Gegend.
Und so gehen fünf Tage auf dem Florida Trail mit mehr Aufregung als vermutet, aber doch im schönsten Mondenschein am Lagerfeuer zu Ende. Es wird nicht der letzte Trip hier draußen sein.

