Tag 1: Southern Terminus bis Pine Island
Geschmeidig ist anders
Der Start in den kürzeren Urlaub fängt ja schon mal holprig an: ein gestrichener Flug, viele Verspätungen, so dass es am Ende 24 Stunden dauerte, um nach Miami zu kommen. Entsprechend spät ging’s um 22:40 Uhr zu Walmart und ich hatte genau 20 Minuten Zeit, um für meine Tage auf dem Florida Trail einzukaufen. Zum Glück weiß ich ja, was ich unterwegs futtere und so ging es im Schweinsgalopp durch die Gänge – Trekkingnahrung hier, Zitronenkuchen da. Und ein paar Chips gehören eh dazu.
Am nächsten Tag stehe ich kurz nach 9 am südlichen Terminus des Florida Trails. Endlich nehme ich mal die erste Etappe unter die Schuhe. März ist für den Trail ziemlich spät. Dafür ist er weniger nass. Deutlich weniger. Was noch zum Problem gedeiht. Die ersten Kilometer sind noch schön schattig und waldig. Nach knapp sieben Kilometern kommt ein fetter Alligator auf dem Trail direkt auf mich zu. Er legt sich hin und fängt an, mich anzufauchen. Gutes Zureden hilft nicht. Auch Tannenzapfen und Stöcke in seine Richtung zu werfen, beeindruckt ihn kein bisschen. Leider muss ich aber dort entlang. Also kämpfe ich mich circa fünf Meter neben dem Trail durchs Unterholz – und komme mit blutigen Schrammen und Kratzern hinter ihm wieder raus. Er hat sich inzwischen umgedreht und faucht weiter. Zeit, sich vom Acker zu machen. 🐊


Feuer!
Von hier geht es erstmal recht entspannt durch Palmen- und Piniensavanne. Am 7-Mile-Camp mache ich eine kurze Pause. Weiter nördlich sehe ich Rauchschwaden aufsteigen. Kann doch nich wahr sein. Warum laufe ich in Florida ständig in Feuer? Tatsächlich kreist über mir der Heli mit Wassercontainern und vom 10-Mile-Camp ist nur noch die Bank übrig geblieben. Der Pilot kriegt wahrscheinlich gerade eine Krise, mich hier unten zu sehen. Also setze ich meine Reise durchs brennende Gelände zügig fort. 🔥
Nach so viel Drama gleich am ersten Tag will ich es eigentlich nur noch entspannt bis ins Camp schaffen. Die Spannung bleibt allerdings , denn alle potentiellen Wasserquellen sind ausgetrocknet. Alle bis auf eine, aus der ich schwarzes Wasser hole und in dem irgendwas großes rumhüpft. Ich will gar nicht wissen, was.



Mein „Notwasser“ ist auch das einzige, was mir am Ende bleibt. Es reicht weder zum Kochen am Abend, noch für einen Kaffee am Morgen. Ich hoffe nur, es sieht morgen besser aus. Ansonsten warten 16 ziemlich durstige Kilometer auf mich bis zur nächsten Zivilisation.


Tag 2: Pine Island bis Nobles Camp
Als ich am Morgen um 6 aufwache, ist es noch stockdunkel. Seltsam. Gestern ging doch um die Zeit schon die Dämmerung los?! Mit dem Paradoxon im Kopf drehe ich mich um und döse nochmal einige Minuten. Da ich noch immer mit Wasserknappheit zu kämpfen habe, fällt der morgendliche Kaffee aus und ich stapfe um 7:15 Uhr los, als es ein wenig heller ist. Erst viel später werde ich herausfinden, dass hier drüben gerade diese Nacht Zeitumstellung war.
Der Trail wird ab Milemarker 27 zusehends matschiger. Das lässt mich auf Wasser hoffen. Ich mache einen kurzen Abstecher zum Oak Hill Camp und finde knapp dahinter in der Black Lagoon tatsächlich das ersehnte Wasser. Und das ist erfreulicherweise nicht mal schwarz wie mein gestriges, sondern wunderbar klar. Gefiltert wird trotzdem, aber die 16 Kilometer bis zur Raststation an der Interstate 75 sind gerettet. 16 Kilometer sind ja an sich nicht viel. Wenn aber die Sonne von oben brennt und der Boden vor Matsch bei jedem Schritt versucht, die Schuhe zu fressen, kann das langwierig und anstrengend werden.




Der härteste Tag auf einem Trail in meinem Leben
Für die Strecke brauche ich am Ende fünfeinhalb Stunden! Ich kann durchaus behaupten, dass dies meine bisher anstrengendsten Meilen waren. Nicht auf dem Florida Trail… sondern über ALLE Trails. Und das will was heißen. Ich weiß nicht, wann und ob ich schon mal so viel, so laut und so lange geflucht habe. Es hat einen Grund, warum man den Trail im Januar/Februar geht. Dann, wenn fast alles unter Wasser steht. Die paar Abschnitte, auf denen ich die Freude hatte, waren um einiges leichter als das Gestapfe durch die Matschepampe.
In der Raststation gibt es neben Toiletten und Trinkwasser auch Automaten mit kalten Getränken, Snacks und Eiscreme. Ich schütte erstmal einen Liter Eiskaffee in mich hinein, dann zwei Liter Elektrolytgetränke. Der Sumpf wird von den Beinen gewaschen und mein nasses Zelt, Socken und Schuhe getrocknet. Dreimal mache ich einen Gang zu den Automaten und gönne mir fast zwei Stunden Pause. Kurz nach drei ist es immer noch brütend heiß, aber es sind ja nur noch rund neun Kilometer bis zur Campsite. Zumindest in der Theorie.
Folge der orangen Markierung
Der Weg geht immer geradeaus an einem Kanal mit Alligatoren teils beeindruckender Größe entlang. Ich folge immer brav der orangefarbenen Markierung und bin nur noch fünf Kilometer vom Ziel entfernt. Die orange Markierung biegt ab, also auch ich. Nach einer Weile schaue ich mal wieder auf mein Handy, wie weit die Campsite noch ist. Sechs Kilometer. Bitte was? Ich schaue auf die Karte und stelle fest, dass ich mich auf der deutlich längeren Alternativroute befinde. So ein… Also dackele ich alles wieder zurück zur Kreuzung und setze meinen Weg fort.
Um 17.30 Uhr bin ich angekommen, stelle mein Zelt auf, versorge meine Wunden, Sonnenbrand und Hitzeallergie und hole Wasser aus dem Teich um die Ecke, wo wahrscheinlich ein Gator zu Hause ist. Etwa gegen 19 Uhr schlappt Amazon um die Ecke. Ja, wir sind wieder vereint. Viel früher als gedacht, viel spontaner als geplant und nur für ein paar Tage. Aber die Wiedersehensfreude ist unbeschreiblich groß!



