Colorado Trail – Abschnitt 4: Leadville bis Tincup Road

Tag 12: Mount Elbert Trailhead zum Big Willis Gulch

Was für ein überraschend abwechslungsreicher Tag! Er beginnt mit unserem Versuch, wieder zu dem Trailhead zu kommen, bei dem wir den Colorado Trail verlassen – und das eben per Anhalter. Am Südenende von Leadville halten wir den Daumen raus und haben Glück: ein netter Typ nimmt uns rund die Hälfte der Strecke mit, ein anderer, nach Gras riechender, bringt uns dann zum Ende beziehungsweise unserem Ausgangspunkt.

Es geht erst durch Nadelwald, dann an einem Bibersee vorbei durch grünen Pappelwald. Nach knapp zwölf Kilometern machen wir eine Pause bei einer Picknickbank am Lakeview Campground, wo sich die Landschaft schlagartig ändert. Wir laufen am Nordufer der Twin Lakes durch Wüstenbeifuß und der Abschnitt lässt Erinnerungen an den Oregon Desert Trail aufkommen.

Nachdem wir den Damm überquert haben, verwandelt sich das Südufer wieder in Nadelwald mit herrlichen Ausblicken und hübschem Steinstrand an den Twin Lakes. Nach etwa 24 Kilometern erreichen wir die Kreuzung, an der sich einige Wege trennen: Hier können Colorado Trail Hiker entscheiden, ob sie die Berge der Collegiate East oder West erkunden. Die Westroute ist ein wenig anspruchsvoller und verläuft deutlich höher als die Ostroute. Da auf dieser Strecke aber auch viele Seen liegen und die Landschaft traumhaft sein soll, entscheiden wir uns für den Westen. Über dieselbe Route führt übrigens auch der Continental Divide Trail.

Ein besonderes Highlight passieren wir mit dem historischen Resort Interlaken: ein Freiluftmuseum, in welchem das Hauptgebäude offen zur Erkundung steht. 28,5 Kilometer in den Tag hinein machen wir noch einmal Pause, dann beginnen wir den steilen, steinigen Anstieg zum Hope Pass. 1.000 Höhenmeter über 6 Kilometer liegen vor uns.

Tag 13: Big Willis Gulch Trail zu Lake Ann

Los geht’s um 6:45 mit dem restlichen Anstieg zum Hope Pass. Hoffnung braucht es an einigen Stellen: Dass der Anstieg irgendwann ein Ende hat, dass auf dem Pass Bergziegen sind und dass das Wetter hält. Bergziegen finden wir zwar keine, dafür sieben knuffige Murmeltiere und ein schönes Pausenplätzchen mitten auf dem Pass.

Runter geht es genauso oder gar noch steiler als hoch. Von der kargen Berglandschaft durchqueren wir erst wieder Nadelwald, dann Pappelwald, dann wird es immer wärmer und es fühlt sich eher wieder nach Wüste an. An einem kleinen Bach legen wir noch einmal eine Pause ein und bekommen Besuch von einem neugierigen Kolibri.

Ziel ist heute Lake Ann, wo wir fischen wollen. Bis dahin liegen aber noch etliche Höhenmeter vor uns, die zum Ende immer steiler werden, während wir vom Gewitter gejagt werden. Um kurz nach 16 Uhr erreichen wir den zauberhaften See und schlagen unser Zelt auf der Wiese auf. Ein noch akzeptabler Platz, falls das nächste Gewitter durchdonnert. Fisch gibt es heute leider nicht. Zwar sehe ich immerhin eine kleine Forelle vorbeischwimmen, aber die interessiert sich nicht für meine Fliege. 

Tag 14: Lake Ann bis Meile 31.6 der Collegiate West Alternate

Paarungswütige Murmeltiere, ein nicht kartierter Abschnitt des Continental Divide Trails/ Colorado Trails, eine wirkliche Flussfurtung, unzählige knuffige Axolotls und zwei vergessene Schlüpper … der heutige Tag hält doch so einige Überraschungen für uns parat.

Los geht’s erstmal noch mit ein paar Minuten angeln. So ganz können wir nicht glauben, dass es in Lake Ann keine Fische gibt. Vielleicht mögen sie aber auch einfach unseren Köder nicht. Ohne Fisch im Gepäck steigen wir aber dann doch hoch zum Lake Ann Pass – seines Zeichens der Pass, der am meisten für Unsicherheit sorgt, da hier noch bis weit in den Sommer hinein ordentlich Schnee liegt. So auch heute, Mitte Juli. Der Aufstieg gestaltet sich trotzdem unkritisch und wir können den Ausblick auf Mount Huron, Lake Ann und quirlige Pikas bestens genießen.

Auf dem Pass angekommen, blicken uns schon zwei dicke Murmeltiere an. Die sind aber vielmehr an sich selbst, statt an uns interessiert. Zumindest trifft das auf das Männchen zu, dass sich in unserer Gegenwart mehrfach auf das zischende und quietschende Weibchen stürzt. Da gibt es wohl noch Diskussionsbedarf. 😆 Kurz nach dem Abstieg vom Pass verläuft unser Trail über rund zehn Kilometer über einen relativ neuen Singletrack. Obwohl dieser schon seit 2023 existiert, ist er weder in OpenStreetMap vorhanden (hab ich jetzt mal geändert), noch gibt es Informationen zu Wasserquellen in FarOut. Dafür aber zuckersüße Baby-Murmeltiere und ein Grouse-Weibchen sehen wir auch.

Mit Texas Creek erwartet uns heute auch mal ein etwas größeres Flüsschen. Schuhe aus und rein ins kalte Wasser. Nix im Vergleich zu den teilweise haarsträubenden Querungen auf dem PCT oder ODT! Wir gönnen uns an einem netten Plätzchen eine ausgiebige Pause und finden dort zwei (wahrscheinlich zum Trocknen) aufgehängte Schlüpper. Da die Besitzerin wohl eher nicht mehr wiederkommt, packe ich sie mit einem Ast bewaffnet in einen Zippbeutel. Leider werde ich trotz Fragen nie herausfinden, wem sie gehören, und sie in der nächsten Trail Town entsorgen.

Da der letzte Fischfang schon eine Weile her ist, wollen wir unser Glück in einem namenlosen See versuchen, der nahe des Trails im Wald versteckt liegt. Und siehe da, dort sehen wir auch gleich unzählige Forellen im Wasser. So viele, dass es schon fast komisch ist. Und irgendwie schwimmen sie auch seltsam. Wait a minute … Während Scarecrow schon die Angel auspackt, gehe ich näher ans Ufer ran. Und staune nicht schlecht! Die kleinen schwarzen Schatten sind Axolotls. Dutzende, wenn nicht sogar hunderte von ihnen bevölkern den kleinen Waldsee. Dass es einige (hundert) Kilometer weiter in Celebration Lake welche geben soll, davon hatte ich gelesen. Hier hatte ich jedoch keine erwartet, freue mich aber dafür umso mehr!

Wir wandern noch rund anderthalb Kilometer weiter und beenden den Tag auf einem winzigen vegetationsfreien Fleckchen. Morgen wollen wir früh aufbrechen. So wie immer eigentlich…

Tag 15: Meile 31.6 der Collegiate West Alternate bis Tincup Road

Heute haben wir uns was vorgenommen: Vier Pässe liegen vor uns, von denen die meisten auf rund 3.900 Meter Höhe liegen und damit oberhalb der Baumgrenze. Um die Wahrscheinlichkeit, wieder in einem Gewitter zu landen, zu minimieren, laufen wir mal wieder früh um 6 los.

Kaum haben wir einen Kilometer gemacht, tauchen vor uns auf dem Weg zwei waschechte, imposante Elche auf. Sie knabbern recht entspannt an den Büschen und rennen ein Stück weg, als wir näher kommen. Wir beobachten sie noch eine ganze Weile. Wann hat man schon mal einen Elchpapa mit Sohn direkt vor der Nase?

Auf dem ersten Pass und dem Bergkamm ist es frisch, fast sogar kalt, sodass wir das Tempo ein wenig anziehen. Bei den nächsten Aufstiegen wird uns allerdings fix wieder warm und die Sonne kommt ebenfalls mehr raus. Die Etappe übertrifft die vorherige nochmals an Schönheit, die man kaum in Worte fassen kann. Schwindelhohe Berge, weitläufige saftige Täler mit idyllischen Seen. Dazwischen immer wieder flauschige Murmeltiere und niedliche Pikas.

Der vierte und letzte Pass hat es nochmal in sich. Oder vielleicht liegt es auch daran, dass wir schon 1.050 Höhenmeter hinter uns haben. Um uns herum ziehen sich die Wolken zusammen und es donnert. So schnell wie eben noch möglich, kriechen wir die Serpentinen nach oben und huschen auf der anderen Seite gleich wieder runter.

Nach einem Schneefeld begrüßt mich das freundlichste Pika der Welt – es knabbert an meinen Fingern und ist überhaupt nicht scheu. Im Gegensatz zu allen anderen seiner Art. Am liebsten würde ich es mit mitnehmen.

Die letzten Kilometer zur Tincup Road werden wir von Regen gesegnet und treffen um 16:30 Uhr im „Zeltlager“ ein, wo wir einige bekannte Gesichter wiedersehen. Zeitgleich ist hier ein Verpflegungspunkt für ein Trailrunning Event aufgebaut. Die Glocken und Jubelrufe werden wir wohl noch ein paar Stunden hören. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Translate »