Tag 7: Breckenridge bis Meile 115.8 (186,4 Kilometer)
Eine gemütliche Unterkunft zu verlassen, fällt ja immer etwas schwer. Vor allem, wenn einem übel ist und es auch an Appetit mangelt. Ein bekanntes Phänomen bei mir, wenn ich vom Trail in die Zivilisation komme und beim fettigem Essen zuschlage. Genau die richtige Voraussetzung, wenn es direkt 1.200 Meter nach oben geht.
Entsprechend langsam krieche ich die Höhenmeter zur Ten Mile Ridge hoch. Immer ein Fuß vor den anderen. Heiß ist es auch noch, sodass auch immer mal kurze Pausen im Schatten nötig sind. Auf rund 3.600 Metern verlassen wir die Baumgrenze und der Ausblick auf die schroffen Zinnen und Geröllberge ist unfassbar schön. Dazu zeigen sich noch zwei knuffige Murmeltiere, die entspannt auf den Felsen hocken oder grasen.
Den höchsten Punkt erreichen wir gegen 15 Uhr. Auf über 3.800 Meter Höhe knallt die Sonne nur so. Außerdem versuchen ein paar unnachgiebige Streifenhörnchen, unsere Trekkingstöcke anzunagen. So fällt die Pause relativ kurz aus und wir machen uns an den steilen Abstieg Richtung Copper Mountain.
Inzwischen hat sich meine Übelkeit verflüchtigt, sodass ich wieder ein paar Snacks und sogar ein ganzes Abendessen in Form von Spaghetti zu mir nehmen kann. 🍝



Tag 8: Meile 115.8 bis Cataract Creek
Nachts um 3.30 Uhr. Der Wind jault und es fängt an zu regnen. Neben uns knackt es gewaltig und ich bekomme leichte Panik. Bei Wind traue ich so ziemlich keinem Baum, auch nicht denen um uns herum. Also krabbel ich im Regen aus dem Zelt, um die Lage zu checken. Alle Bäume sehen noch okay aus. Also krieche ich wieder in den Schlafsack und bin froh, als der Wind nachlässt.
Am Morgen kommen noch immer Schauer herunter. In einer Regenpause packen wir das Zelt zusammen und machen uns auf die Socken. Ein Stück des Colorado Trails ist aktuell wegen Bauarbeiten gesperrt, also nehmen wir die Umleitung durch das Ski Resort Copper Mountain. Inzwischen strahlt der Himmel auch wieder blau und auch heute erwartet uns ein strammer Aufstieg.
Über 21 Kilometer geht es nach oben und über gleich zwei Pässe. Kurz vor dem ersten verdunkelt sich der Himmel plötzlich und die Hölle bricht los. Wir können uns gerade noch zur letzten Baumgruppe vor der Baumgrenze retten, da donnert es auch schon direkt über uns. Rechts und links kommen Blitze runter und ordentlich Hagel. Keine Seltenheit in Colorado, aber ein Fan davon bin ich nicht.
Zehn Minuten später geht‘s schlotternd über den ersten Pass. Dort hellen ein paar Murmeltiere in Paarungslaune unsere Stimmung auf. Ebenso die folgenden acht Kilometer über der Baumgrenze, die ein traumhaftes Panorama bieten. Während wir weiter argwöhnisch den wolkigen Himmel beobachten, zählen wir 39 Murmeltiere und fünf Pikas!



Der Rest des Tages bleibt glücklicherweise trocken – nur der Wind macht uns beim Abstieg noch ein wenig zu schaffen. Unser Zelt schlagen wir mal vergleichsweise früh auf: um 16.30 Uhr ganz in der Nähe des rauschenden Cataract Creeks, den wir morgen furten werden.



Tag 9: Cataract Creek zu den Porcupine Lakes
Unser Tag beginnt heute mit fantastischen Ausblicken. Berge, Wald, Rehe, rauschende Bäche und ein weitläufiges Tal. Unsere erste kleine Pause an einem Flüsschen mit einigen mysteriösen Bunkern verbringen wir mit ein wenig Fischen. Jedoch ohne Erfolg.
Als wir eine Schotterstraße kreuzen, begrüßt uns ein Pärchen aus Texas und bietet uns Kekse und Orangen ein. Wie wir feststellen, sind es die Eltern von drei Wanderern, die sie dort eigentlich treffen wollten, aber anscheinend verpasst haben.
Nach einem zur Abwechslung mal recht entspannten Aufstieg zum Tennessee Pass Trailhead werden wir mit ein wenig Trail Magic in Form von kühler Limo und mehr Keksen überrascht. Und wir treffen Diane und Meghan wieder, die gerade aus Leadville kommen. Wir wandern ein Stück gemeinsam und verabreden uns, zusammen bei den Porcupine Lakes zu campen.
In der letzten Pause des Tages tauchen ein paar freche Whisky Jacks auf, die ein paar Cashewkerne aus meiner Hand futtern. Es sind einfach die klügsten und niedlichsten Vögel der Welt!


Der finale Anstieg zu den Seen tritt uns nochmal richtig in den Hintern und ich bin froh, das das Ziel durchaus lohnenswert ist: ein traumhafter Bergsee umgegeben von Nadelwald und dramatischen Gipfeln. Leider auch Brutstätte von Mückenschwärmen. Und so sitzen wir am Abend alle wie die Imker mit unseren Kopfnetzen zusammen, essen unser Backpacker Meal und gehen gegen 20.30 Uhr schlafen – bis zum ersten kräftigen Donner um 21 Uhr … ⛈️


Tag 10: Porcupine Lakes zum Rock Creek
Nach mal wieder heftigen Gewittern in der Nacht lassen wir den Morgen ganz entspannt angehen. Ich angel ein wenig, verliere eine Fliege im Baum und gegen 8.15 Uhr packen wir unser feuchtes Zelt und den klammen Schlafsack ein. Alle anderen sind natürlich schon weg. Beim ersten Aufstieg verschrecken wir ein paar eindrucksvolle Wapitis – bislang hatten sich gut vor uns versteckt.
Unser Zwischenziel ist heute Bear Lake. Der See liegt nicht direkt am Weg, aber ich habe Hoffnung, dort vielleicht etwas zu fangen. Es verlaufen sich wohl nur wenige Colorado Trail Hiker zu diesem See. Als wir dort ankommen, haben wir ihn ganz für uns alleine. Abgesehen von dem niedlichen Pika, das durch die Felsen huscht. Angel gezückt und es dauert gar nicht lange, da beißt die erste Forelle. Leider kann ich weder diese noch die nächste landen. Langsam ziehen ein paar Wolken vor die Sonne und der Wind frischt deutlich auf. Ungünstige Bedingungen fürs Angeln. Trotzdem probiere ich es nochmal und siehe da: eine Brook Trout landet im Kescher.
Der Trail spielt mit uns heute mal wieder Achterbahn. Es geht super steil runter und dann wieder super steil hoch. Immer mal wieder begegnen uns Läufer und Wanderer. Man merkt, dass Samstag ist. Die Höhenmeter nach der Mittagspause fallen mir schwer und ich frage mich, warum. Schließlich haben wir ja noch gar nicht so viele Kilometer heute geschrubbt. Aber der Weg ist steinig, steil, anspruchsvoll. Der Colorado Trail ist ungefähr so, als würde man den PCT direkt bei Kennedy Meadows mit der Sierra Nevada starten. Ohne die rund 900 Kilometer Einlaufen vorher.



Obwohl wir eigentlich ein anderes Tagesziel haben, machen wir nach knapp 22 Kilometern Feierabend. Der Platz am Rock Creek ist zu schön, wir sind schon ziemlich im Eimer und der nächste Anstieg würde uns wohl noch zwei Stunden kosten. Stattdessen machen wir uns ein Lagerfeuer an und lassen uns den frisch gefangenen (und 16 Kilometer getragenen) Fisch schmecken. 🐟
Tag 11: Rock Creek zum Halfmoon/ Mount Massive Trailhead (Leadville)
Es ist mal wieder soweit: Ein Town Day steht an! Heute geht es in die Bergbaustadt Leadville – mit einer Lage auf fast 3.100 Metern immerhin die höchste eingemeindete Stadt der ganzen USA. Wir hatten diesen Ort schon vor zwei Jahren während eines Roadtrips ins Herz geschlossen. Dass wir hierher zurückkehren würden, war seit Planung des Colorado Trail klar.
Ein nicht ganz unerheblicher Grund dafür ist zudem, dass genau hier (und NUR hier, nicht online oder sonstwo anders) die bei Hikern beliebten “Mellies“ handgefertigt und verkauft werden. Und als wäre das nicht schon kompliziert genug, kann man nicht einfach so in den Melanzana-Shop hineinspazieren und nach Herzenslust eintüten. Nein, dafür muss Monate im Voraus ein Termin gebucht werden. Und selbst dann darfst du nur zwei Teile kaufen. Als Colorado Trail-Wanderer jedoch muss man lediglich das Foto vom Start zeigen, dann darf man auch ohne Termin zumindest ein Teil erstehen. Um sicherzugehen, hatte ich natürlich schon seit Monaten einen Termin. Für genau heute. Ein Schelm, wer denkt, dass ich den Colorado Trail drumherum geplant habe. 🤓
Von unserem Zeltplatz am Rock Creek ist es nicht weit bis zum Halfmoon Trailhead. Ein allerdings recht unüblicher Punkt, um den Trail zu verlassen und vor allem auch, um wieder dorthin zurückzukehren. Wir hoffen aber einfach auf unser Glück, während wir die rund 13 Kilometer bis dahin recht entspannt angehen.



Immer wieder erhaschen wir grandiose Ausblicke auf Mount Elbert und Mount Massive, ihres Zeichens Platz 2 und 3 der höchsten Berge der USA außerhalb Alaskas. Unterwegs treffen wir auf ein Dreiergrüppchen, von dem wir zumindest die Mädels schon öfter überholt haben. Gemeinsam schlendern wir schwatzend zu unserem heutigen Ausstiegspunkt – eine der beiden wird ihre Wanderung aus Zeitmangel bereits in Leadville beenden.
Am Halfmoon Trailhead parken die Autos überall. Auch dort, wo man es nicht erwarten würde. Es ist Sonntag und da besteigt man eben einen Colorado 14er! Leider sind die meisten aber noch oben auf dem Berg. Trotzdem dauert es gar nicht lange, um genau zu sein, ein Auto lang, dann werden wir von einem Trailrunner mitgenommen, der um 11 Uhr schon durch ist mit Mount Elbert. Beeindruckend!
An der kleinen Pizzeria in Leadville setzt er uns ab und wir machen uns direkt auf den Weg zu unserem Tiny House, das wir im Tiny House Park erst einmal identifizieren müssen. Super gemütlich und groß genug für die nächsten zwei Nächte. Schnell unter die Dusche und dann geht’s fix zum Shoppen. 😎

