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South Canyon Trail – Grand Canyon fernab der Touristenströme

6–8 Minuten

South Canyon Trail – ein Abenteuer für sich

Einige Male war ich nun schon im atemberaubenden Grand Canyon. Und jedesmal versuche ich, eine andere Strecke mit gesteigerter Schwierigkeit zu gehen. Diesmal fiel die Wahl auf den South Canyon Trail, der weit ab der üblichen Touristenströme wie North Kaibab Trail, Bright Angel Trail oder South Kaibab Trail verläuft. In einigen Karten ist er als „Route“ bezeichnet – einen ausgebauten Weg gibt es hier nicht. Der Nationalpark Service beschreibt den South Canyon Trail so: „Wandere den Canyon hinunter, indem du von Felsbrocken zu Felsbrocken springst, dich durch das Gestrüpp kämpfst und im Grunde genommen dem Weg des geringsten Widerstands folgst.“ …

The Chute

Zusammen mit „Magic Trick“ und „Moniker“, die wir im letzten Jahr auf dem Colorado Trail kennengelernt hatten, machen wir uns gegen 8.30 Uhr auf den Weg. Zuerst geht es durch den sogenannten „Chute“ – einen schmalen Felsschacht, der zu einer Seite teils offen ist und hunderte Meter steil abfällt. Hier wird mir durchaus mulmig, denn das Gelände ist steinig und steil. Und mein vollbepackter Rucksack mit vier Litern Wasser möchte mehr als einmal der Gravitation folgen.

Steil geht es weiter. Über loses Geröll, in super engen Kurven, die keinesfalls dem Weg auf der Karte entsprechen. An einem trockenen Wasserfall stehen wir erstmal sprachlos vor dem Hindernis. Erst nach ein paar Minuten eröffnet sich eine mögliche Route hinunter. Trekkingstöcke sind völlig nutzlos, denn wir brauchen alle vier Gliedmaßen, um durch das Gelände zu klettern.

Über eine Stunde brauchen wir für den ersten Kilometer, dann erreichen wir den trockenen Flusslauf des South Canyons. 

Durch das Flussbett

Über und um kleinere Steine, mittelgroße Brocken und gigantische Felsen geht es weiter. Zwar ein wenig schneller, aber den mutmaßlich besten Weg zu finden, braucht dennoch viel Zeit und Aufmerksamkeit. Nur zweimal gönnen wir uns eine Pause. Es wird zusehends wärmer und wir wollen doch alle nur das eine: ein kaltes Bad im Colorado River nehmen. Doch kurz bevor führen uns einige Steinmännchen noch einmal deutlich nach oben. Das Flussbett ist hier nämlich nur noch mit Kletterausrüstung machbar. Stattdessen nehmen wir den schmalen Pfad, der uns immer höher bringt. 

Wir fragen uns, wann und wie wir wohl zum Colorado kommen sollen – der gefühlt nun zum Greifen nah, aber doch viele, viele Meter unter ist. Um weitere fünf Ecken offenbart sich erneut ein supersteiler Abstieg mit Kletterpassagen. Das Dickhornschaf, das uns entgegenkommt, navigiert im Gegensatz zu uns höchst gekonnt durchs Terrain.

Um 15.30 Uhr – fast sieben Stunden nach Aufbruch und nur 11,5 Kilometern – erreichen wir endlich das eiskalte türkisblaue Wasser des Colorados. Ein Bad haben wir uns redlich verdient. Gecampt wird am Strand im tiefen Sand. Nur die Sterne sind heute unser Zelt. 🌌

Vasey’s Paradise und Stanton’s Cave

Aus den letzten Grand Canyon-Wanderungen haben wir gelernt, dass es zu schade ist, gleich am nächsten Tag wieder den Colorado River zu verlassen. Drum verbringen wir heute den ganzen Tag rund um das South Camp, wo wir gestern unsere Schlafsäcke im Sand ausgebreitet haben. Es gibt viel zu entdecken! Vom Camp aus können wir nämlich bereits zwei Highlights sehen: Stanton’s Cave und Vasey’s Paradise.

Nach dem Frühstück klettern wir kurzerhand einfach die Felswand hinter unserem Camp nach oben und folgen einem gut sichtbaren Pfad zur gigantischen Höhle. Robert Brewster Stanton nutzte die Höhle 1889 als Lagerplatz, als er den Colorado-Korridor für eine mögliche Eisenbahntrasse vermessen ließ. Außerdem wurden in der Höhle viele “split-twig figurines” gefunden – kleine Tierfiguren aus gespaltenen Zweigen, die mehrere tausend Jahre alt sind. Sogar ein riesiger – heute ausgestorbener – Condor hat hier gelebt.

Von hier suche ich mir mal wieder den Weg des geringsten Widerstands hinunter zum Ufer des Colorado. Das nächste Ziel ist Vasey’s Paradise, eine Quelle, die direkt aus der roten Felswand sprudelt. Farne, Moose und Büsche gedeihen hier prächtig. Und auch eine Grand Canyon Klapperschlange lässt sich blicken! Die erste, die ich je im Canyon sehen durfte.

Wir erkunden noch ein Stück weiter entlang des Colorado-Ufers, sehen Rafting-Boote vorbeiziehen, winken und freuen uns, sie beim Navigieren durch die Stromschnellen zu erleben. Sie sind auch der Grund, dass wir am Ufer gleich zwei volle (verlorene) Bierdosen finden. Eine bis März 2026 haltbar, die andere bis September 2026. Trail Magic kommt in vielen Formen.

Den Abend verbringen wir gechillt: mit (erfolglosem) Angeln, Baden im Colorado River und guten Gesprächen unter Freunden. Kurz vor Sonnenuntergang kommen die ersten Fledermäuse aus ihren Löchern geflogen und tief in der Nacht breitet sich die Milchstraße über uns aus.

Vom Colorado River zurück zur House Rock Road

Nach einem fantastischen Tag am Colorado River müssen wir diesen heute leider verlassen. Ein letzter Kaffee im Schlafsack, dann werden alle Siebensachen gepackt und es geht auf zum fordernden Rückweg entlang des South Canyon Trails.

Obwohl wir fast die gesamte Zeit nun nach oben gehen müssen, sind wir ein wenig schneller als auf dem Hinweg. Immerhin wissen wir jetzt, wo die Route entlanggeht – meistens. Ab und zu wurschteln wir uns dann doch wieder woanders entlang und fragen uns, was wohl die sinnvollste Variante gewesen wäre.

An einer Stelle, die überhaupt nicht steil oder sonstwie verdächtig ist, rutsche ich auf dem Geröll wie auf Glatteis aus und reiße mir seitlich den Hintern auf. Buchstäblich. Meine Sungloves (Handschuhe als Sonnenschutz) hängen schon zur Mitte nur noch in Fetzen an meinen Handflächen. Und auch meine Beine haben den Zustand vom Oregon Desert Trail in 2024 erreicht. Vielleicht sollte ich doch mal lange Hosen statt Short erwägen?!

Je mehr wir uns dem steilen Aufstieg nähern, umso weniger können wir glauben, dass wir dort tatsächlich heruntergekommen sind. Wir finden das Steinmännchen, dass uns den Punkt zeigt, ab dem es quasi nur noch vertikal nach oben geht. Wir schaffen es, sind aber völlig im Eimer. Was für ein gigantisches Abenteuer!

Wichtige Tipps & Hinweise

Der South Canyon Trail ist tatsächlich ein echtes Abenteuer für alle, die das Wilde und Unberührte suchen. Auf gut 11 Kilometern (7 Meilen) überwindest du rund 830 Höhenmeter von der Canyon-Kante hinab zum Colorado River. Lass dich von der vergleichsweise kurzen Strecke jedoch nicht täuschen: Da es sich um keinen ausgebauten Weg handelt, musst du enorm viel Zeit einplanen. Steile Serpentinen, loses Geröll, leichte Kletterpassagen und das mühsame Navigieren im unwegsamen Flussbett verlangen volle Konzentration, Trittsicherheit und kosten ordentlich Tempo.

Anfahrt – wie du hinkommst

Schon die Anfahrt hat es in sich: Du startest auf der House Rock Road am Highway 89A (Mile Marker 559.5). Nach etwa 10,7 Meilen hältst du dich links, passierst bei Meile 11,5 das Tor zum Kaibab National Forest und biegst nach 18,8 Meilen links auf die FR 632 ab. Ein rechter Abzweig führt dich nach weiteren 1,9 Meilen über eine Rindersperre direkt zum Parkplatz am Canyon-Rand.

Die Route

Dein Abstieg beginnt etwa 80 Meter weiter an der Kante an einer mit Steinmännchen markierten Rinne: The Chute. Von dort aus geht es in steilen, rutschigen Serpentinen mit ein paar Klettereinlagen hinab. Um das dichte Buschwerk zu umgehen, folge einem unscheinbaren Pfad rechts vom Flussbett. Du durchquerst Millionen Jahre alte Felsformationen und suchst dir im ausgetrockneten Canyon-Bett einfach den Weg des geringsten Widerstands. Hindernisse wie kleine Felsstufen oder einen 12 Meter hohen Trockenfall umgehst du über mit Steinmännchen markierte Seitenbänder. Diese sind nicht immer einfach zu finden. Wird das Gelände zu schwierig, hast du womöglich eins übersehen. Gehe daher nochmal ein Stück zurück und verifiziere deine Route.

Am Colorado River belohnen dich traumhafte Sandstrände unter gewaltigen Felswänden für die Strapazen. Von hier aus kannst du die grüne Fels-Oase Vasey’s Paradise – Vorsicht vor rutschigen Felsen – sowie die geschichtsträchtige Stanton’s Cave mit ihren jahrtausendealten Holzfiguren und Fossilien erkunden.

Wasser und Erwartungen

Für deine Planung gilt: Der South Canyon führt meist kein Wasser, weshalb du genug Trinken für den gesamten Abstieg im Rucksack haben musst. Deine Hauptwasserquelle unten ist der Colorado River. Ist dieser stark aufgewühlt, lass das Wasser vor dem Filtern kurz ruhen, damit sich die Sedimente absetzen. Achte zudem strikt auf das „Leave No Trace“-Prinzip: Uriniert wird direkt in den Fluss, und Toilettenpapier nimmst du ausnahmslos wieder mit. Da man sich die Strände manchmal mit Rafting-Gruppen teilt, lohnt sich ein offenes Miteinander – meist wirst du nicht nur mit netten Gesprächen, sondern auch mit guter Gesellschaft und einer Einladung zum Essen belohnt.

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