MICCO Landing bis Starvation Slough
Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Instant-Kaffee und Zitronenkuchen verabschieden wir uns von Scarecrow und Oreo, denn die beiden lassen alles sehr langsam angehen und machen wenige Tageskilometer. Warum auch überstürzen, sie haben ja zehn Jahre Zeit.
Keine fünf Minuten auf dem Trail stapfe ich in einem dichten Palmenwald schon wieder durch knöcheltiefes Wasser. Die Schuhe und Socken waren ja von gestern eh noch nicht ganz trocken.
Mein Zeitplan sieht für die nächsten Tage so aus: heute rund 22 Kilometer, morgen 32, um zum reservierten Campingplatz mit heißer Dusche zu kommen. 32 Kilometer sind für mich im aktuellen Zustand kein Pappenstiel, denn seit meiner Rückkehr aus dem Sabbatical habe ich weit mehr Zeit am Schreibtisch statt auf Wanderschaft verbracht. Daher überlege ich, heute mehr zu wandern, um am nächsten Tag weniger Reststrecke zu haben.
Zitronen- und Orangen-Paradies
Der Plan ist schön, allerdings ist es heute noch heißer als die Tage zuvor. Wir freuen uns über jeden schattigen Abschnitt durch die semi-tropischen Wälder. Und die versüßen uns die Hitze auf ganz unerwartete Weise. Am Wegesrand und teilweise über den Trail ragen wilde Orangen- und Zitronenbäume mit erntereifen Früchten. Natürlich kann ich der Verlockung nicht widerstehen und schon schleppe ich zwei Orangen und eine Zitrone zum nächsten Pausenplatz. Super saftig sind die Früchte und reich an Kernen. Die Zitronen sind nicht annähernd so sauer wie man es aus dem Supermarkt kennt, die Orangen dagegen kommen der Zitronensäure schon recht nah. Köstlich. Der Fruchtsaft hat sich jedoch überall auf meinen Händen verteilt und ich versuche ihn abzuschütteln. Das veranlasst meine Garmin-Uhr auf einmal wie wild zu quietschen, denn sie meint: Unfall erkannt! Ach was.



Die Hitze ist inzwischen unerträglich geworden. Ausgerechnet jetzt folgt der Trail auf einem nicht enden wollenden Stück einem schattenlosen Graben. Nachdem ich mich schon halb gebacken fühle, warte ich auf Jason, der ein wenig abgeschlagen hinter mir latscht. Irgendwas piekst mich oberhalb meiner Socken und als ich nach unten schaue, sehe ich dutzende kleine, rote Ameisen über meine Füße wuseln. Ich habe mich mitten in einen Ameisenhaufen gestellt. Wie eine Irre wische ich die Viecher von meinen Beinen und löse damit erneut eine Unfallmeldung mit der Uhr aus. Zu meinen schon rund fünfzig Mückenstichen vom ersten Tag gesellen sich nun noch etwa dreißig Ameisenbisse. Fantastisch!
Relativ vorfallsfrei geht der Rest des Tages vorbei. Wir bedienen uns an einem kleinen Bach und hoffen auf einen Wassercache in der Nähe einiger Straßen, die wir kreuzen. Leider vergeblich. Die letzten Kilometer führen wieder nur über Asphalt. Im Zombiemodus ertragen wir unser Schicksal, aber ich habe schon die Entscheidung getroffen: ich gehe heute keinen Schritt weiter als ursprünglich geplant. Dann sind’s halt morgen 32 Kilometer. Der Wetterbericht verspricht zudem eine erhebliche Abkühlung über Nacht. Heftiges Unwetter ist angesagt. Ziemlich dehydriert kommen wir am Starvation Slough Campground an und danken dem Engel „Waterboy“, der hier jede Menge Wasser deponiert hat.




Im Dixieklo finden wir eine riesige Flasche Desinfektionslotion und nehmen erstmal ein ordentliches Bad damit. Ziemlich dicht rücken wir mit unseren Zelten unter einem gigantischen Eichenbaum zusammen, denn das scheint der beste Platz für die angesagten Gewitterstürme zu sein. Tornados nicht ausgeschlossen. Ein wenig unwohl ist mir schon…

Starvation Slough bis Kissimmee Prairie
Am Ende überleben wir die Nacht, ohne vom Blitz getroffen zu werden. Als Warren mir aber zum Frühstück eine Aufzeichnung des Radars zeigt, wird mir schon ein wenig übel. Das Tornado-Gebiet zog nur haarscharf an uns vorbei. Da hätten wir aber alle blöd aus der Wäsche geguckt. Die Moskitos sind um 6 Uhr morgens auch schon quicklebendig und sauglustig. Kein Wunder, sie hatten ja wegen des Winds am Abend nix zu beißen bekommen. Entsprechend zügig packen wir die klatschnassen Zelte zusammen und machen uns – wie jeden Morgen – um halb acht auf die Socken.
Das Wetter ist heute ideal für unser Vorhaben. 32 Kilometer sind es bis zum Kissimmee Prairie Preserve Campground, wo eine heiße Dusche und richtige Klos winken. Da der Zeltplatz immer gut ausgebucht ist, hatte ich schon vor einer Weile vorreserviert und die beiden Jungs jetzt eingeladen, auf meiner Site mit zu zelten. Selbstverständlich bleiben die Füße auch heute nicht trocken. Die Freude über eine frisch gezimmerte Holzbrücke ist nur kurz, denn durch die ordentlichen Regengüsse der letzten Nacht schwimmen die Balken einfach nur auf der Wasseroberfläche und versinken, sobald wir sie betreten.


Abgekürzt
Zur Tageshälfte verlassen wir die schönen Palmen-Eichenwälder und finden uns in der Prärie wieder. Warren hat anscheinend Hummeln im Hintern und zieht davon, während Jason und ich vor uns hin schwatzen. Rund eine Stunde später finde ich Warren am verabredeten Pausenplatz wieder.
„Wie bist du denn bitte durch das hüfthohe Wasser gekommen?“ fragt er mich. Ich schaue an mir runter, bis auf die Füße trocken.
„Welches hüfthohe Wasser?“ „Na da, wo ich sogar mein Handy in die Luft halten musste, damit es trocken bleibt. Das wurde ja immer tiefer!“
„Wo zur Hölle warst DU denn?“
Ich überlege. Eigentlich konnte man sich doch gar nicht verlaufen. Im Geiste gehe ich die Karte durch… und fange an zu lachen. In Guthooks wird tatsächlich an einer Stelle explizit darauf hingewiesen, diese „Abkürzung“ durch den Sumpf nicht zu nehmen, da es hier „heavy alligator activity“ gibt. Dass ich jetzt darüber lachen kann, liegt vor allem daran, dass es Warren gut geht. Die Sache hätte aber auch echt schief gehen können. Jason und ich waren den u-förmigen Umweg über eine schöne Holzbrücke gegangen. Warren hatte die Abzweigung einfach verpasst.



Der letzte gemeinsame Abend
Die restlichen Kilometer ziehen sich wie Kaugummi. Elf Kilometer lang geht es nur geradeaus. Ohne ein Ende in Sicht. Kurz nach 17 Uhr kommen wir am Campground an und schlagen unsere Zelte auf der Astronomy Site auf. Hier soll man herrliche Sicht auf die Sterne haben. Blöderweise ist heute ausgerechnet Vollmond. Mit einem Pärchen, das gerade von Kalifornien nach Florida gezogen ist, teilen wir uns eine der für Wanderer wertvollen Picknickbänke und genießen den traumhaften Sonnenuntergang über der Prärie. Geduscht wird heute nicht mehr.


